„Ich trau‘ Euch nicht!“
Frankfurt, Berlin, Montag, der 23. April 2018:
Projektbesprechung für P17-18 in Berlin:
Alle zwei Wochen sollte ich nun unseren „Projektleiter“ von der Haustechnik aus unserem Ingenieurbüro zur Projektbesprechung in Berlin für dieses kleine Projekt P17-18 im Süden Berlins, in Neu Köln, begleiten und ihn im Bereich der Elektrotechnik unterstützen. Ich durfte ihn allerdings lediglich begleiten, denn die Projektleitung, die sollte er alleine übernehmen. Allerdings ganz gewachsen war er seiner Aufgabe nicht und dies musste eigentlich jeder sehen. – Ich wollte dazu nichts sagen, denn, meine Aufgabe war ja lediglich, ihn im Bereich der Elektrotechnik zu unterstützen.
Eigentlich begann diese Besprechung erst um halb zwei Uhr am Nachmittag am Kurfüstendamm, doch da der Architekt mit der bisherigen Planung im Bereich der Haustechnik nicht sehr zufrieden war, fand jeweils vorher am Vormittag eine Planungsbesprechung beim Architekturbüro statt. Aber auch darum kümmerte sich mein Kollege Martin Sch. nicht und daher hieß es letzten Freitag kurzfristig, wir sollten dort bereits um halb zehn Uhr zur Planungsbesprechung erscheinen. Unsere Sekretärin, die Frau unseres Chefs, buchte daher erst am Freitag einen Flug und, als wäre es beinahe unmöglich, war nur mehr Platz für uns in der Lufthansa Maschine bereits um 6:15 Uhr. Was zur Folge hatte, ich musste mich bereits mit der U-Bahn um 4:35 Uhr auf den Weg zum Flughafen begeben.
An der Hauptwache:
Kurz nach 5 Uhr stand ich dann schon an der S-Bahnhaltestelle an der Hauptwache. Da kam eine Pilotin der Lufthansa an mir mit ihrem kleinen Trolly vorbei und stellte sich wenige Meter neben mir, ebenfalls an den Bahnsteig, um auf die S-Bahn zu warten. Kaum hatte sie jedoch ihren Trolly abgestellt, begann sie zu telefonieren. Sie meinte dabei,
„jetzt wollen sie schon wieder schauen“
und hielt danach kurz inne, als wäre sie mittlerweile gelangweilt. Ich wurde, als hätte ich ein Stichwort vernommen, gleich darauf aufmerksam und lauschte ihrem weiteren Telefonat. Da meinte sie weiter und sah mich dabei sogar noch an,
„sie wollen wieder schauen, wie sie nun auf ihn reagieren!“
Nun war mir klar, es ging wieder einmal bei einen Telefonat zwischen zwei Menschen, welche ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte, wieder einmal um meine leidige Angelegenheit. Aber das Telefonat klang gar nicht so, als wäre man mir dabei negativ gegenüber eingestellt, sondern vielmehr, als wäre man auch bereits mehr als genervt davon, immer wieder dieses „Schauen“ mit anzusehen zu müssen! Daher musste ich dabei etwas schmunzeln und achtete nicht weiter darauf.
Am Hauptbahnhof Frankfurt:
Zudem fuhr auch gerade die S9 ein, mit der ich eigentlich schon zum Flughafen hätte fahren können. Doch mein Kollege wollte sich mit mir schon am Hauptbahnhof treffen und wir wollten dann gemeinsam mit der S8 zum Flughafen fahren, daher stieg ich zwei Stationen später schon wieder aus. Aber, kaum stieg ich um 5:07 Uhr aus der S9 nach Wiesbaden am Hauptbahnhof aus, stiegen zwei Polizisten in eben diese S9 ein. Als ich an ihnen vorbei ging, lachte einer der beiden etwas, als er mich sah, daher verfolgte ich worüber denn die beiden sprechen werden, wenn sie an mir vorbei sind. Nun stand ich also am Bahnsteig und diese beiden Polizisten standen in der S-Bahn. Da meinte einer, er sah auch noch zu mir und lachte wieder etwas,
„jetzt hat er es aber übertrieben!“
Und dies in einer Lautstärke, sodass dies jeder Fahrgast in der S9 im Umkreis von mehreren Metern genau hören konnte. Anders hätte es ja auch ich nicht hören können. Aber, nun weiß nun mal jeder, wer damit gemeint ist. Und jeder sieht, von wem dies „nun hat er es aber übertrieben“ kommt! Es war mir am Wochenende zuvor schon aufgefallen, dass bei manchen meine Erzählungen über die letzten Tage zuvor doch erheblichen Unmut, vor allem über die Offenheit, erregt hatten. Schon da hörte ich, ich hätte es nun allerdings übertrieben. Daher war ich erst recht zur Überzeugung gekommen, diese beiden können nur mich damit meinen!
Wenige Minuten später kam dann auch mein Kollege die Rolltreppe vom Hauptbahnhof zu den S-Bahn Gleisen und wir fuhren gemeinsam zum Flughafen, von wo wir pünktlich um 6:15 Uhr nach Berlin abhoben. Doch nun standen wir bereits um viertel nach sieben Uhr in Berlin. – Was war ich froh, dass ich über das Wochenende in Frankfurt blieb und nicht erst um ein Uhr nachts dort ankam, um vier Uhr schon wieder aufstehen musste und nun bereits um 7:15 Uhr in Berlin am Flughafen stand, wo doch die Planungsbesprechung beim Architekten erst um halb zehn Uhr beginnen sollte.
Aber mein Kollege steuerte Schnur stracks zum Ausgang des Terminals C und dort zum Taxi Stand und, nachdem wir beide noch eine Zigarette geraucht hatten, seit dem er zum Projektleiter aufgestiegen war, hatte er ja wieder zu Rauchen begonnen, fuhren wir auch schon mit dem Taxi zum Architekturbüro. Dieses Mal wollte er mir sogar den Vortritt lassen und meinte, ich sollte an der Beifahrerseite des Taxis einsteigen, doch ich ließ dies ihm über, denn in einem Taxi steige ich prinzipiell nicht auf der Beifahrerseite ein.
Beim Architekturbüro:
Also waren wir schon kurz vor acht Uhr am Morgen beim Architekturbüro angekommen. Doch was nun? Die Besprechung sollte doch erst um halb zehn Uhr beginnen! Ich dachte mir noch, vielleicht suchen wir uns ein kleines Café oder eine Bäckerei in der Nähe und warten dort die Zeit ab, doch mein Kollege steuerte auf geradem Weg die Bäckerei an, welche sich im Erdgeschoß des Hauses befindet, in welchem auch das Architekturbüro untergebracht ist. Und nicht etwa, dass wir uns in die Bäckerei gesetzt hätten, nein, wir nahmen auch noch an den Tischen am Gehsteig Platz. So saßen wir also direkt neben dem Eingang zu diesem Bürohaus und jeder, welcher in diesem Haus arbeitet, musste ab acht Uhr an uns vorbei gehen. Es hatte ihm wohl in seiner kurzen Zeit als Projektleiter noch keiner gesagt, dass man dies nicht macht. Aber, ich war ja nur zur Begleitung im Fachgebiet der Elektrotechnik mitgekommen! Ich war regelrecht froh, als dann die Besprechung endlich begann, denn mittlerweile war ich beinahe schon etwas durchfroren, war es doch nicht gerade der wärmste Tag in Berlin im April.
Also kontrollierten wir wieder, wie schon zwei Wochen zuvor, von halb zehn bis halb zwei Uhr am Nachmittag die bisherigen Angaben von Durchbrüchen, welche noch am Freitag zuvor per Mail in einem neuen Plansatz angegeben wurden, sowie die Leitungsführung der haustechnischen Anlagen auf eventuelle Kollisionen in der Leitungsführung. Aus etwas anderem bestand diese „Planungsbesprechung“ ohnedies nicht. Wobei ich mir dachte, bei dem derzeitigen Planstand der gesamten Haustechnik scheint dies doch etwas verfrüht zu sein, denn mehr als vereinzelte Leitungen waren in diesen Plänen noch nicht dargestellt. Obwohl der letzte Plansatz eigentlich schon die Entwurfsplanung darstellen sollte. Aber ich äußerte mich dazu nicht, denn dies würde ohnedies noch kommen, aber hoffentlich nicht von meiner Seite aus.
Irgendwann wollte ich mich dann allerdings doch produktiv in diese Planungsbesprechung einbringen und stellte die Frage, wo denn ein Platz für eventuelle IT-Infrastruktur für den Besprechungsbereich im Erdgeschoß vorgesehen sei, denn bei derart viel geplantem Raum für Besprechungen würde höchst wahrscheinlich auch von einem eventuellen Mieter ein Platz für ein IT-Netzwerk, für Geräte für Präsentationen und dergleichen erwünscht werden. Der Architekt meinte zwar, diese Anfrage käme nun relativ spät, doch als ich ihm erklärte, ich wäre bisher davon ausgegangen, in den angrenzenden Büroräumen im Konferenzbereich sei dafür doch ohnedies ausreichend Platz, sah er rasch ein, hier würde Handlungsbedarf bestehen und so wurden auch rasch mehrere Möglichkeiten für die Unterbringung eines solchen „Medienraumes“ gefunden. Somit bestand diese Planungsbesprechung wenigstens nicht nur mehr aus der Kontrolle von Durchbrüchen und Leitungsführungen.
Im Büro oder Projektsteuerung:
Um halb zwei Uhr ging es dann endlich weiter zur eigentlichen Projektbesprechung im Büro der Projektsteuerung. Aber kaum waren wir dort angekommen, ging in dem Besprechungsraum, in welchem unsere Besprechung stattfinden sollte, gerade eine vorangegangene Besprechung zu Ende. Und jene, welche diese Besprechung verließen, trafen auf uns, die wir schon vor dem Besprechungsraum warteten. Dabei meinte einer der Besprechungsteilneher der vorangegangenen Besprechung zum Leiter des Projektes der Projektsteuerung, als sie sich an der Eingangstür trafen,
„Ihr habt aber einen großen Auflauf bei Eurem Projekt da. Das ist ja beinahe ein Wahnsinn, wie viele Leute sich um Eurer Projekt kümmern!“
Darauf meinte der Projektsteurer Steffen K.-L.,
„ja! Ich habe die Presse für das Projekt bestellt!“
Und lachte dabei.
Nun war ich gespannt, was mich heute bei dieser Besprechung erwarten würde, hatte ich doch in der Früh schon an der Hauptwache vernommen, irgendjemand wolle nun wieder schauen, wie sie reagieren auf mich. Also harrte ich der Dinge, die da kommen würden und begrüßte schön freundlich alle Besprechungsteilnehmer mit Handschlag, so wie dies alle taten, und setzte mich wieder auf den gleichen Platz, an dem ich schon vor zwei Wochen gesessen hatte. Aber die Besprechung war beinahe regelrecht langweilig, denn ich konnte am Anfang überhaupt nichts erkennen, worin denn nun die Aufregung um mich liegen könnte. Lediglich der Projektsteurer erwies sich als Spaßvogel, als er, auf den Hinweis, es wären für den Beginn der Abbrucharbeiten am Bestandsgebäude kurzfristig sehr viele Arbeiter notwendig, da plötzlich meinte,
„fahren doch eh genug mit ihren Firmenwagen herum und haben offensichtlich nicht viel zu tun – die sollen was tun!“,
setze kurz mit seinen Ausführungen ab, fuhr dann fort und meinte mit bestimmendem und lautem Ton,
„BND! – Und wie sie alle heißen!“
Nun saß ich auf meinem Platz und dachte mir, was ist denn das für ein Vogel, dabei darf man nicht vergessen, dass alle aus dem ehemaligen Osten stammen und auch altersbedingt dieses System noch miterlebt haben und keinerlei Hehl aus ihrem Naheverhältnis dazu machen, und dachte mir weiter, ich bin gespannt, ob der noch öfters solche seltsamen Äußerungen von sich gibt – und ich werde nicht enttäuscht werden!
Nun saß ich beinahe die gesamte Zeit der Besprechung stumm an meinem Platz, denn mich betrafen kaum Punkte in der Besprechung. So, wie auch mein Kollege, obwohl ihn doch einige Punkte betrafen. Doch da rührte er sich einfach nicht. Zudem sagte er auch noch die Erstellung der „Brandfallmatrix“ zu, welche, nach gängiger Auffassung in der Branche eine Nebenleistung darstellt und nicht ohne extra Vergütung vom Planungsbüro erstellt werden muss, und selbst, als ich ihn darauf leise ansprach, meinte er lediglich,
„das kriegen wir schon!“
Aber gegen Ende der Besprechung wollte der Projektsteurer noch wissen, wie es denn generell mit der Planung für die Haustechnik aussieht, denn er meinte, wir seien ihm zu ruhig. Daher wollte er für die nächste Besprechung in zwei Wochen eine kurze Vorstellung der Entwurfsplanung der Haustechnik. Er meinte dabei,
„ich trau‘ Euch nicht!“
Daher wollte er die bisherige Planung vorgestellt haben. Aber auch dies sagte mein Kollege regungslos zu. Obwohl ich mir dachte, na da hat er aber noch etwas zu tun in den nächsten zwei Wochen.
Erst als wir um fünf wieder zum Flughafen mussten, wurde mein Kollege aktiv. Aber da schien die Besprechung ohnedies schon zu Ende zu sein. Wir verabschiedeten uns und gingen. Aber in der allgemeinen Aufbruchsstimmung nach der Besprechung meinte der Bauherr zum Projektsteurer,
„was machen wir denn jetzt!“
Darauf meinte dieser,
„wir machen jetzt nichts, denn da schauen viel zu viele zu!“
Darauf meinte der Bauherr,
„aber eines sage ich Euch, wenn der hier blöd daher redet, dann mache ich den fertig!“
Darauf meinte der Architekt,
„das kannst Du doch nicht machen!“
Nun war ich doch fast etwas irritiert, denn die gesamte Besprechung verlief beinahe bedeutungslos und nun diese Gespräche am Schluss. Und, denn Blicken zufolge, welche dabei durch den Raum zischten, konnte wieder einmal nur ich gemeint gewesen sein. Aber ich ließ mir weiter nichts anmerken, nah dies lediglich auf, dachte mir meinen Teil, verabschiedete mich und ging mit meinem Kollegen, da wir ja zu unserem Flug mussten.
Es ist eben, wie beinahe immer. Man hat das Gefühl, gleichzeitig bei zwei Besprechungen zu sein. Einmal geht es um das Thema der Besprechung, daneben werden allerdings von den Beteiligten allerdings noch ganz andere Themen besprochen, welche man, wenn man nicht genau aufpasst, kaum mit bekommt.
Am Flughafen Tegel:
Kaum waren wir gegen viertel vor sechs Uhr am Abend am Flughafen Tegel mit dem Taxi angekommen, standen wir noch vor dem Abflugterminal C und rauchten noch gemeinsam eine Zigarette. Da liefen zwei junge Frauen an uns vorbei, wovon eine der beiden meinte,
„na siehst Du! Mit dem kann man hier überhaupt nichts anfangen!“
Ich dachte mir nur, dies sind schon tolle Erkenntnisse, welche jene, welche immer „Schauen“ wollen, hier sammeln.
Wir mussten dann noch gut eineinhalb Stunden auf unseren Abflug warten, da unsere Maschine aus Budapest kam und dort, wegen eines Gewitters, nicht abheben konnte. Daher war ich erst gegen 22 Uhr wieder zurück in meiner Unterkunft in Frankfurt.
Wieder zurück in Frankfurt:
Aber nicht einmal dann habe ich meine Ruhe. Denn dann gibt es immer noch jene, welche sich in meine Umgebung begeben und mir lautstark ihre Meinung mitteilen wollen, ohne mit mir direkt zu sprechen. Sich einfach vor mein Fenster stellen, oder auch nur darunter vorbei gehen, und Äußerungen tätigen, welche gezielt mir gelten. So meinte an diesem Abend noch eine Frau mit sächsischem Dialekt,
„der muss das jetzt einsehen, dass dies Frankfurter werden!“
Wobei ich daraus nicht ganz schlau wurde. Denn wie, um alles in der Welt, sollte ich mich darum kümmern wollen, wer Frankfurter werden will, oder nicht. Mir ist dies gänzlich egal. Wenn mir Personen nicht egal sind, dann sind es jene, welche einfach, nach mehr als 27 Jahren nach der Wende immer noch nicht glauben wollen, oder können, dass es den „Osten“ nicht mehr gibt und auch in „erneuerter“ Form nicht mehr geben wird. Und wenn sie dann auch noch meinen, mit mir als personifiziertes Feindbild ihre „neue Gemeinschaft“ aufbauen wollen, dann habe ich mehr als ein Recht darauf, mich dagegen zur Wehr zu setzen. Noch dazu, wenn dies alles Personen sind, mit welchen ich in meinem Leben zuvor nie etwas zu tun hatte, sie allerdings glauben, alles über mich zu wissen.
Daher sollen sie mir einmal erklären, woher sie der Meinung sind, alles über mich zu wissen! Oder liegt es vielleicht doch daran, dass ich es in diesem Fall mit der „modernisierten“ Stasi zu tun habe!
(2018-06-27)