Wien, Mittwoch, der 25. Jänner 2006:
Die letzten Tage saß ich nur mehr in der Arbeit, schlug nicht nur die Zeit bis zu meinem letzten Arbeitstag tot, sondern überlegte mir auch, wie ich mich aus diesem Unternehmen verabschiede. Wobei verabschieden eigentlich das falsche Wort ist, denn gerade verabschieden wollte ich mich von niemandem mehr. Viel zu sehr war ich darüber enttäuscht, was ich in den vergangenen, fast fünf Monaten in diesem Unternehmen erleben musste. Vor allem von vielen der Kollegen war ich mehr als enttäuscht. Daher wollte ich mich einfach aus dem Unternehmen hinausschleichen, ohne auch nur ein einziges Wort darüber, dass ich nun weg sei, verliere. Daher zählte ich vor allem die Stunden, bis ich im Zeitausgleichspuffer genügend Zeit im Überhang hatte, um mich vor Ende meines letzten Arbeitstages am 27. Jänner aus dem Unternehmen hinausschleichen kann, ohne befürchten zu müssen, dass mir deshalb vielleicht auch noch Stunden in der Abrechnung abgezogen werden. So kam ich zum Ergebnis, morgen nachmittags um 13:30 Uhr wäre es so weit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich all meine Stunden bis Arbeitsende am 27. Jänner zusammen. Daher wollte ich mich genau zu diesem Zeitpunkt, und keine Minute später aus dem Unternehmen hinausschleichen. Ohne auch nur ein einziges Wort an einem der Kollegen zu verlieren. Offiziell sagte ich allerdings stets, mein letzter Arbeitstag wäre der 27. Jänner und den würde ich auch noch vollständig im Büro verbringen.
Am Abend lief ich nach der Arbeit noch eine kleine Runde um den Häuserblock, in welchem sich meine Pension, in welcher ich mein kleines Zimmer hatte. Wie ich es auch schon die Wochen zuvor immer wieder getan hatte. Einfach nur zur Entspannung. Aber als ich an der Straße an den Bahngleisen bei der Unterführung durch die Bahnstrecke angekommen war, dachte ich mir, ein paar Biere könnte ich mir an meinem letzten Abend ich Wien auch noch gönnen. Daher ging ich unter der Unterführung durch, hin zu diesem kleinen Kiosk an der Endhaltestelle der Straßenbahn. Doch dann dachte ich mir auch noch, weshalb sollte ich mich an solch einen Abend in diese schäbige Kneipe setzten. Da wäre es doch viel besser, wenn ich mir noch in der Innenstadt ein paar kleine Biere gönnen würde. Und schon saß ich in der Straßenbahn ich Richtung Reumannplatz, um von dort aus mit der U-Bahn in die Innenstadt zu fahren.
Eine halbe Stunde später stand ich dann auch schon in dieser Kneipe, in welcher ich in den letzten Wochen schon des Öfteren war. Diesem „1516“. Doch da war die Stimmung, als ich das Lokal betrat, plötzlich ganz anders, als ich diese noch von letztem Donnerstag abends in Erinnerung hatte. Es war, als hätte niemand damit gerechnet, dass ich an diesem Abend dieses Lokal noch einmal betreten werde. Von den meisten Gästen wurde ich einfach ignoriert. Wobei ignoriert auch das falsche Wort ist, denn für die war ich einfach nur ein fremder Mann, der nun in diese Kneipe gekommen war, mehr nicht. Lediglich der Kellner hinter der Bar sah mich etwas entgeistert an, woran zu erkennen war, dass wohl tatsächlich niemand mehr mit mir gerechnet hatte.
So stand ich nun an der Bar, wie ich dies schon in den letzten Wochen immer wieder einmal tat. Jedoch dies war ein Abend, welchen ich beinahe hätte genießen können. Denn es war wie früher, als ich Ende der 1990er Jahre in Salzburg ein Lokal betreten hatte, mich dort vielleicht einige Leute kannten, jedoch sich niemand darum kümmerte, oder gar daran störte.
Zudem konnte ich dabei auch feststellen, dass diese russische Kellnerin, welche ab November offensichtlich auf mich angesetzt worden war, keinesfalls freiwillig oder gar gerne dabei mitgemacht hatte, sondern offenbar dazu aufgefordert wurde. Denn auch sie verhielt sich an diesem Abend völlig normal mir gegenüber, als wäre ich einfach ein fremder Mann, den sie zwar vom Sehen her bereits kannte, welcher ihr zudem offensichtlich auch nicht gänzlich unsympathisch zu sein schein, um dies einmal so auszudrücken. Aber nichts weiter.
Doch, ich war vielleicht gerade mal eine Stunde in diesem Lokal änderte sich die Stimmung zusehends. Denn immer wieder kamen Gäste in das Lokal, platzierten sich auch um mich herum und schienen sich regelrecht an meiner Gegenwart zu stören. Wobei ich weiter nichts anderes tat, als alleine an der Bar ein paar kleine Biere zu trinken. Falls sich jemand mit mir unterhalten wollte, dann hätte er oder sie dies auch gerne tun können, jedoch mich aufdrängen, das wollte ich eben einfach nicht. Warum auch. War dies doch für mich der letzte Abend, welchen ich nun in Wien verbringen werde. Zumindest für die nächste Zeit. Und, wäre es nach mir gegangen, auch für sehr lange Zeit und sicher nicht mehr für längere Zeit. Denn meine Eindrücke über Wien waren nach diesen ersten fünf Monaten in Wien nicht gerade die besten. Weshalb ich damals lieber wieder nach Deutschland arbeiten gegangen wäre und dann dort auch bleiben wollte.
Man hatte es regelrecht mitverfolgen können. Je länger ich an dieser Bar stand, desto mehr Gäste kamen in das Lokal, welche mir gegenüber nicht gerade wohlgesonnen waren. Bis dann auch noch ein junger Mann das Lokal betrat und lautstark zu den Bediensteten hinter der Bar meinte,
„was tut denn der da!“
Dem ein Achselzucken eines Kellners hinter der Bar folgte und der Mann weiter meinte,
„der war doch noch nie vor Donnertag hier! – Und außerdem war dies zuvor erkennbar, wenn er hier auftauchen würde!“
So etwas hatte ich nämlich auch schon längst vermutet. Als wäre ich jedes Mal, wenn ich diese Kneipe betreten hatte, dort längst erwartet worden. Von Gästen, die regelrecht darauf angesetzt waren, hier gegen mich Stimmung zu verbreiten. Was für mich auch nichts Neues war. Denn dies hatte ich doch schon in den Jahren zuvor in Salzburg unzählige Male miterleben müssen. Hier hatte es mich allerdings doch etwas überrascht, denn hier konnte mich bis Anfang Oktober niemand kennen. Hier hatte ich auch noch keinen angetroffen, den ich persönlich kannte. Und zudem, außer vom Sehen konnte mich hier auch noch niemand kennen. Schließlich hatte ich mich in diesem Lokal noch mit überhaupt niemandem unterhalten. Ganz im Gegenteil dazu, wie ich mich Ende der 1990er Jahre in Salzburg verhalten hatte, wenn ich abends noch alleine in eine Kneipte gegangen war, um mir ein paar Biere zu gönnen. Aber dies wurde mir in den letzten Jahren regelrecht abgewöhnt – und zwar völlig!
Besonders lange konnte ich ohnedies nicht bleiben, da ich noch mit der U-Bahn zurück zu meiner Pension fahren musste. Aber je länger der Abend dauerte, desto unangenehmer wurde es für mich. Auch wenn ich es trotzdem genoss. Schließlich zeigte sich, es waren eben Gäste, welche darauf angesetzt waren, hier gegen mich Stimmung zu verbreiten. Nicht alleine meine Gegenwart als solche. Was sich auch am Verhalten dieser russischen Kellnerin mir gegenüber zeigte, welche keinen Zweifel daran ließ, wer diese Stimmung erzeugte. Aber für mich war es nun eben ohnedies der letzte Abend in Wien. Und ich war froh darüber.
(2021-01-18)