Eicherloh, Dienstag, der 21. Juni 2005:
Nun wollte ich keinesfalls fluchtartig das Feld räumen, sondern blieb tags zuvor in meinem Zimmer im Hotel. An Montagen hatte die Gaststätte Ruhetag, daher blieb ich auch den ganzen Abend im Zimmer. Anfangs wollte ich sogar noch die ganze Woche dort bleiben. Aber dann kam mir die Idee, doch einmal diesen Personalverantwortlichen in Linz anzurufen, bei welchem ich am 22. November des Vorjahres dieses „Vorstellungsgespräch“ hatte, welches dazu geführt hatte, dass ich nun hier im Umland von München gelandet war.
Zunächst ging ich allerdings an diesem Morgen frühstücken, wie ich dies sonst auch stets tat. Jedoch vielleicht einige Minuten später als gewöhnlich. Schließlich musste ich heute nicht mehr in die Arbeit fahren. Dabei wollte ich einfach einmal beobachten, wie hier nun darauf reagiert wird, da ich doch nun aus dem Unternehmen hinausgeworfen wurde. Zu sehen, ob dies dort schon bekannt wäre. Wie andere Gäste des Hauses darauf reagieren.
Aber vor allem, wie die Familie des Hotels darauf reagiert. Schließlich fand ich es doch etwas seltsam, wenn es da hieß, hier hätten sie mich für sich selbst haben wollen, um dies in deren Sprache auszudrücken. Denn dazu wäre ich den vergangenen Monaten genügend Zeit gewesen. Saß ich doch seit Mitte Jänner beinahe jeden Abend in der Gaststube des Hotels. Und da wären genügend Gelegenheiten gewesen, hier Kontakte zu knüpfen, ohne dass dies jemand anderer überhaupt mitbekommen hätte. Aber dies geschah nie. Obwohl ich doch einige Male dazu ermuntert worden war, doch nicht an Freitagen wieder zurück nach Salzburg zu fahren und erst am Montag abends wieder hierher zurück zu kehren. Dazu hatte ich allerdings wirklich keine Lust.
Als ich dann im Frühstücksraum saß, war eigentlich alles wieder gleich, wie an allen anderen Tagen zuvor. Von meiner Kündigung hatte offensichtlich niemand bisher etwas mitbekommen. Davon musste ich erst erzählen, als sich die Chefin des Hauses, wie sonst auch sehr häufig, mit mir während des Frühstücks zu unterhalten begann. Darüber war sie zudem sehr überrascht. Auch wenn sie dazu meinte, dies wäre vielleicht gar nicht der schlechteste Ausgang meines beruflich bedingten Aufenthaltes hier, denn mit den Kollegen der technischen Auftragsabwicklung für die Allianz Arena hatte sie offensichtlich kaum Freude. Wobei ich schon seit mehreren Wochen schon diesen Eindruck bekommen hatte. Schließlich waren die Kollegen in den Wochen zuvor kaum mehr abends in der Gaststätte zu sehen.
Allerdings erzählte mir bei diesen Plaudereien während des Frühstücks die Chefin des Hauses auch, Josef R., der Mitarbeiter der Facility Management Abteilung der VA Tech wäre am Abend zuvor wieder gekommen und würde nun doch noch einige Wochen länger bleiben. Also dieser Abend am Donnerstag der Vorwoche war keinesfalls eine Abschiedsfeier. Wenn, dann kann man dies wohl eher nur als Abschiedsfeier für mich bezeichnen.
Nun blieb ich also den Tag über im Hotel. Sehr viele Möglichkeiten etwas zu unternehmen bieten sich in dieser Gegend eben nicht gerade, ohne nicht mit dem Auto nach München zu fahren, aber dazu hatte ich nun wirklich keine Lust. Eigentlich gar keine. Denn schließlich ist dies ein Dorf mich vielleicht gerade mal 200 Einwohnern, einer Kirche und eben einer Gaststätte.
Am späten Vormittag rief ich nun, wie ich es schon seit gestern vor hatte, den Personalchef in Linz an. Ich erzählte ihm, dass ich tags zuvor von Karl Pi. im Auftrag von Harald W., „Harry“, gekündigt wurde, und ich deshalb einmal mit ihm sprechen wollte. Schließlich meinte er bei meinem „Bewerbungsgespräch“ am 22. November letzten Jahres doch auch noch nebenbei, sollte es für mich Probleme geben, dann sollte ich ihn anrufen. Sicherlich hatte er damit nicht gemeint, dass ich ihn ein halbes Jahr später anrufen würde, um mit ihm bezüglich meiner Kündigung zu sprechen, aber dies sah ich trotzdem als Anstoß dafür, mit ihm darüber zu sprechen. Dabei hatte ich, fast zu meiner Verwunderung, gar kein Problem bei ihm einen Termin für ein Gespräch zu bekommen. Am Freitag dieser Woche um 10:00 Uhr sollte ich zu ihm in sein Büro in der Zentrale in Linz kommen. Daher war für mich klar, spätestens am Donnerstag werde ich mein Zimmer bezahlen und nach Hause fahren.
Am Abend saß ich dann wieder, als hätte sich überhaupt nichts geändert, in der Gaststube. Diesmal allerdings im gastgarten. Denn an diesem Abend wurde es etwas wärmer. Von irgendeinem geänderten Verhalten mir gegenüber, da man mich hier nun offensichtlich „für sich selbst“ haben wollte, davon war überhaupt nichts zu entdecken. Wobei ich mich deshalb schon fragte, was dann diese „Abschiedsfeier“ von letztem Donnerstag zu bedeuten hatte. Denn dies war ohnedies ein Abend, wie beinahe alle anderen Abenden zuvor in dieser Gaststätte. Auch wenn es etwas länger gedauert hatte.
Schließlich kam auch noch Josef R., in die Gaststätte und setzte sich zu mir an den Tisch. Auch er hatte offensichtlich bis heute nichts davon gewusst, dass ich nun in diesem Unternehmen gekündigt wurde. Denn, als er sich zu mir an den Tisch setzte, hatte er wohl schon darüber etwas gehört. Was sich allerdings tags zuvor im Büro abspielte, davon musste ich ihm erst erzählen. Daher schien es nicht so gewesen zu sein, dass dies vielleicht gar abgesprochen gewesen wäre. Auch wenn es doch mehr als seltsam war, wenn Josef R. letzte Woche am Donnerstag seinen Abschied feierte, da er mit seiner Arbeit hier in München fertig sein sollte, nun allerdings schon die Woche darauf wieder, wie zuvor auch, hier sein sollte. Dies zudem noch für mehrere Wochen, ohne einen Endtermin zu kennen.
Für mich war dies nun einfach nur mehr eine Bestätigung dessen, wie krankhaft und abartig diese Personen sind. Jemanden regelrecht als Leibeigenen zu sehen, über den man verfügen könnte, wie man wollte. Jedoch sobald sich dies als unzutreffend herausstellen sollte, sie vielleicht selbst die Dummen aus diesem Vorhaben herauskommen würden, sie nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, dann wird man einfach gekündigt. Ich empfand dies einfach nur mehr als niederträchtig, als primitiv. Als Zeichen dafür, wie einfach diese Personen gestickt sind. Auch wenn sie glauben, selbst die Größten zu sein.
Nun habe ich den ganzen Tag schon darüber nachgedacht, wie ich aus diesem irrwitzigen Verhalten dieser für mich völlig verrückten Personen herauskommen könnte. Denn, reduzierte ich das nun Geschehene auf ein Verhalten auf lediglich zwei Gruppen, jener der Kollegen im Büro und jener hier, welche mich „für sich gewinnen“ wollten, welches dazu führte, dass, sollte ich auch nur den Anschein erwecken, mich auf eine der beiden Seiten zu schlagen, dann endet dies damit, dass ich von der anderen Seite einfach hinausgeworfen werde, obwohl beide gleichgeartete Ziele, jedoch offensichtlich nicht ein einziges Ziel verfolgten, dann kam ich zum Entschluss, ich werde mich wohl oder übel einer Seite tatsächlich zuwenden müssen, um endlich wieder etwas Ruhe im Leben zu bekommen, und erst dann kann ich an eine weitere Zukunft in meinem Leben denken. Denn so, wie sich dies in den Monaten zuvor darstellte, schien dies unmöglich zu sein. Da war ich einfach nur mehr froh darüber, gleich Anfang Jänner damit aufgehört zu haben, mich hier in München ganz niederzulassen, mir hier gar eine Wohnung zu suchen, um hier vielleicht einen Neustart im Leben zu beginnen. Denn sonst stünde ich nun äußerst dumm da. Ich wäre nun arbeitslos in München, hätte zuvor allerdings noch nicht einmal für ein deutsches Unternehmen gearbeitet, war ich doch von VA Tech hierher lediglich entsendet.
Aber von einer Möglichkeit, mich hier nun dieser Seiter zuzuwenden, war an diesem Abend wieder einmal überhaupt nichts zu entdecken. Ganz im Gegenteil. Dies war wieder einer dieser Abende, bei dem ich eigentlich nur sinnlos in dieser Gaststätte saß. Obwohl es dafür unzählige Möglichkeiten gegeben hätte. Ich mich dagegen auch kaum gewehrt hätte. Schließlich wollte ich doch hierher nach München gehen, um hier einen Neustart im Leben zu versuchen. Es wäre dann vielleicht auch ein Leichtes gewesen, hier eine neue Arbeit zu finden. Danach könnte ich ohnedies noch weiter sehen.
Aber an diesem Abend kam ich zur Einsicht, hier könnte ich noch monatelang bleiben, es würde sich nichts ändern. Und dafür war mir mein Leben nun doch etwas zu schade! Daher entschloss ich mich, bereits morgen früh mein Zimmer zu bezahlen und wieder zurück nach Salzburg zu fahren. So unterhielt ich mich an diesem Abend noch etwas mit Josef R., der mir dabei anbot, morgen, bevor ich zurück nach Salzburg fahre, noch bei ihm in der Allianz Arena vorbeizuschauen, denn dabei würde er mir dieses neue Fußball Stadion zu zeigen. Was ich auch gerne angenommen hatte. Schließlich würde ich so wohl doch etwas mehr zu sehen bekommen als ein Fußball Fan, der nur für ein Spiel dieses Stadion besucht. Und dies käme für mich ohnedies nicht in Frage, zähle ich doch nicht gerade zu einem Fußball Fan, der vielleicht auch noch in ein Stadion geht, um sich dort ein Spiel anzusehen.
Bei der Plauderei mit Josef R. im Gastgarten fragte er mich zudem, was ich denn nun tun werde. Worauf ich ihm antwortete, mich erst einmal ordentlich ausruhen möchte und mich danach darum kümmern möchte, wie es denn nun mit meinem Grundstück in meinem alten Heimatdorf weitergehen könnte. Schließlich war auch dies häufig ein Gesprächsstoff an den vielen Abenden zuvor, obwohl ich selbst davon nie zu sprechen begonnen hatte. Aber Josef R., der zudem aus einem Dorf, gar nicht weit entfernt meines alten Heimatdorfes stammt, aus Zipf, hatte sich, wie auch die Chefin des Hauses, immer wieder gerne dafür interessiert. Was mich zwar immer wieder etwas verwunderte. Aber solche Probleme, wie ich sie damals schon mit der Gemeindeverwaltung in meinem alten Heimatdorf hatte, gibt es wohl sehr häufig. Daher hatten wir auch immer wieder darüber gesprochen.
Doch kaum hatte ich dies ihm gegenüber erwähnt, mich nun erst einmal um mein Grundstück in meinem alten Heimatdort kümmern zu wollen, meinte ein Gast am Nebentisch, der unsere Gespräche offensichtlich mitverfolgt hatte,
„der glaubt immer noch, dass er mit seinem Grund (stück) etwas machen kann!“
Und lachte mit seinen Kollegen am Tisch. Dann meinte dieser weiter,
„der wird bald alles hergeben müssen!“
Wobei ich solch Bemerkungen in meiner Umgebung damals kaum ernst genommen hatte. Denn schließlich hatte ich, nach all dem, was ich sonst erlebte, viel eher den Eindruck, ich habe es hier zwar vielleicht mit einer ominösen Parallelgesellschaft zu tun, welche offensichtlich etwas vor hat. Jedoch hatte ich eher den Eindruck, dabei würde es sich um eine Randerscheinung in der Gesellschaft handeln, welche auf viel größere Ablehnung als auf Zustimmung im Rest der Gesellschaft stößt. Daher nahm ich dies zwar – noch – einfach nur wahr, dachte darüber aber nicht weiter nach. Aber auch dies würde sich bald noch ändern.
(2020-10-14)