Unterach, Mittwoch, der 29. Juni 2005:
Seit Anfang dieser Woche saß ich nun wieder zu Hause. Nichts war es mit meinem geplanten Neustart im Leben in einer anderen Stadt, als ich Ende letzten Jahres für diese Va Tech von Linz aus nach München in deren neue Zweigniederlassung entsendet wurde. Eigentlich hätte ich mir das letzte halbe Jahr sparen können. Aber hätte ich dieses ursprüngliche Angebot dieses Segmentleiters des Konzerns für ihn in einem anderen Bereich des Unternehmens weiter zu arbeiten, säße ich höchst wahrscheinlich seit September letzten Jahres zu Hause. Mit dem hatte ich allerdings überhaupt nichts mehr zu tun, daher konnte ich dies längst nicht mehr als Angebot bezeichnen, sondern es war vielmehr eine Prolongation dessen, was ich zuvor schon in Salzburg erleben musste. Wobei dies sogar noch eine gehörige Steigerung dessen war. Aber nun war dies nun endlich zu Ende. Dachte ich zumindest.
Wenigstens war ich derzeit noch nicht arbeitslos, sondern „nur“ von meinem Dienst freigestellt. Sodass ich noch das volle Gehalt, bis zu meinem endgültigen Ausscheiden aus diesem Unternehmen, erhielt. Gebracht hatte mir dieses Abenteuer in München gar nichts. Ganz im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen. Die Reaktionen auf meine sonstigen Bewerbungen letzten Herbst zeigten ja, dass ich eigentlich gar keine andere Wahl hatte. Nun aber, nachdem wie sich diese VA Tech mir gegenüber verhalten hatte und dies auch an die Öffentlichkeit drang, den vielen negativen Reaktionen darauf, sah ich wenigstens wieder eine Chance, in einem anderen Unternehmen, vielleicht sogar relativ rasch, eine neue Anstellung zu finden.
Aber zunächst wollte ich mich erst einmal von all dem erholen. Auch wenn ich es mir nach wie vor nicht leisten konnte, nun erst einmal in den Urlaub zu fahren, obwohl ich durch diese Entsendung gut verdient hatte. Dieses Gehalt reichte gerade einmal dafür, mich wenigstens finanziell etwas zu erholen. Für einen Urlaub, in welchem ich vielleicht sogar vereisen würde, dazu hatte ich ohnedies keinen Kopf dafür.
Mittlerweile war es allerdings Sommer geworden. Auch wenn das Wetter zu dieser Zeit noch nicht warm genug war, um in den umliegenden Seen Salzburgs baden zu gehen. Aber mit dem kommenden Wochenende begannen schon die ersten Sommerferien in den östlichen Bundesländern in Österreich, und ich hatte nicht wirklich Lust dazu, die Zeit, bis ich wieder in einem anderen Unternehmen zu arbeiten beginne, in meiner Wohnung in Salzburg zu verbringen, wenn ich schon nicht selbst wirklich in Urlaub fahren wollte – oder vielmehr konnte. Daher war es für mich naheliegend, wenigstens tageweise in mein altes Heimatdorf zu fahren und vielleicht dort den Sommer mit baden im See zu genießen. Nun, nach all dem was in den letzten Jahren geschehen war, vielleicht gar an einen anderen Badesee in der Umgebung Salzburgs zu fahren, das schien mir ohnedies nicht gerade zielführend. Denn die entsprechenden Kommentare und Reaktionen auf meine Anwesenheit, welche ich dort erwarten würden, hatte ich schon vor Augen. In meinem alten Heimatdorf hingegen kannte ich all die Leute, daher wäre dies dort auch viel leichter zu ertragen.
So fuhr ich an diesem Nachmittag in mein altes Heimatdorf, um einmal zu sehen, was mich dort erwarten würde. Zum Baden im See war es noch zu kalt, daher ging ich dort erst einmal in der Nachbarschaft meines Elternhauses zum Mittagessen. Dort setzte ich mich in den Gastgarten an den letzten Tisch, damit ich, falls noch viele Gästen kommen würden, nicht gänzlich inmitten des Geschehens saß und so wenigstens mitbekomme, wie auf meine Anwesenheit reagiert wird. Dass ein permanenter Austausch an Informationen darüber erfolgte, wie es mir nun in der Arbeit ergangen war, das wusste ich ja längst. Nicht allerdings, wie nun darauf reagiert werden würde, da ich nun aus diesem Unternehmen einfach, da sie offensichtlich nicht mehr weiter wussten, einfach hinausgeworfen wurde.
Doch als ich mein Mittagessen einnahm, klingelte plötzlich mein Mobiltelefon und Harald Z., „Zucki“, von der VA Tech in Salzburg rief mich an. Da ich noch beinahe alleine im gastgarten saß, nahm ich dieses Gespräch auch gleich an. Er wollte mit mir ja in Kontakt bleiben, als ich mich mit ihm in München in diesem Taxis Biergarten getroffen hatte. Deshalb hatten wir in den vergangenen Wochen bereits einige Male miteinander telefoniert. Auch von meinem Hinauswurf wusste er bereits. Nicht allerdings von meinem Gespräch mit dem Personalchef in Linz von letztem Freitag. Daher erzählte ich ihm nun auch gleich davon. Vor allem davon, dass mir der Personalchef mitgeteilt hatte, Harald W., „Harry“, hätte gar nicht die Befugnis gehabt, mich einfach zu kündigen. Vom eigentlichen Grund meines Gespräches mit dem Personalchef konnte ich ihm natürlich nichts erzählen, denn darin war auch er involviert. Allerdings davon, dass mich Egon R., der Personalchef tatsächlich davon sprach, mich eventuell nach Wien oder Graz zu versetzen, ich allerdings davon gerne Abstand genommen habe, nach all dem, was ich nun auch noch in Linz, beziehungsweise in München erleben musste. Worauf ich ihn fragte, ob er denn nun verstehen würde, weshalb ich an eine Rückkehr nach Salzburg, wie er es mir bei dem Treffen im Biergarten in München angetragen hatte, schon im Vorhinein Abstand genommen habe und keinesfalls als Projektleiter zurückkehren wollte.
Nachdem ich ihm erklärte, nun vom Dienst freigestellt zu sein, fragte er mich, wo ich mich denn nun befinden würde. Worauf ich ihm erkälte, in Unterach in einem Gastgarten zu sitzen und dort mein Mittagsessen einnehme. Darauf er,
„na! Du traust Dich etwas!“
„Wieso?“,
fragte ich ihn. Worauf er mir erklärte, da werde ich allerdings bei meinem neuen Arbeitgeber gleich wieder mit ähnlichen Problemen konfrontiert sein, wenn ich mich einfach so, hierher, wie er meinte, trauen würde. Worauf ich ihm allerdings ansatzweise erklärte, es möge zwar sein, dass der Ursprung vieler der Anfeindungen gegen mich in den letzten Jahren hier liegen würde. Jedoch das wahre Problem kam in den vergangenen beiden Jahren aus dem Unternehmen selbst. Und dies hatte mir dieser Segmentleiter doch auch eindrucksvoll erklärt. Diese Anfeindungen aus diesem Dorf wurden dabei eben wohlwollend aufgenommen. Sie waren aber nicht ausschlaggebend dafür, was geschehen war. Er meinte noch, wir sollten aber trotzdem auch weiter in Verbindung bleiben, wovon ich auch überzeugt war.
Wenig später, ich hatte längst aufgegessen, trafen doch noch weitere Gäste in diesem Restaurant ein. Darunter auch der Altbürgermeister der Gemeinde Josef St. von der ÖVP und seine Gattin. Es war genau jener Bürgermeister gewesen, bei welchem mein Bruder und ich, einst Ende April 1993, unser Vorhaben mit unserem Grundstück etwas außerhalb des Dorfzentrums, anlässlich einer Sprechstunde bei ihm, vorstellten und um Umwidmung angesucht hatten. Dieser ist, seit seiner Pensionierung 1997, selbst ausschließlich im Gastgewerbe tätig und betreibt mit seiner Frau eine Pension. Daher wollten offenbar die letzten Tage vor Beginn der Saison noch einmal nützen, um bei einem Kollegen Essen zu gehen.
Kaum hatten sich beide an einem Tisch etwas abseits meines Platzes gesetzt, meinte der Altbürgermeister zum Wirt dieses Restaurants Hannes T., als dieser deren Bestellung aufnehmen wollte und mich längst entdeckt hatten,
„jetzt helfen wir dem!“
Wobei der Altbürgermeister nach der Aussage ein schmunzeln im Gesicht hatte.
Darauf der Wirt des Restaurants Hannes T. regelrecht entsetzt,
„warum?“
Da begann der Altbürgermeister zu berichten,
„bei dem, was die jetzt gemacht haben mit ihm und wie die das aufgezogen haben, da hat der sonst keine Chance mehr! Das ist so weit gegangen, da hat keiner Mehr eine Chance. – Da ist jetzt alles hin bei ihm.“
Es war also tatsächlich so, wie ich es mir schon gedacht hatte – es hatte sich längst überall in meiner alten Heimat umhergeschwiegen, was ich in den letzten Monaten erleben musste und auch wie dies nun ausgegangen war. Die Reaktion des Wirtes dieses Restaurants auf meine Anwesenheit ließen dies längst vermuten. Wobei ich zudem längst davon überzeugt war, vieles von diesem Informationsflusses lief über die Parteiebene. Schließlich ist doch auch Karl Pi. ein Gemeinderatsmitglied in seinem Heimatdorf der ÖVP gewesen. Denn vom Altbürgermeister des Dorfes hatte ich zuvor sonst noch nie etwas darüber vernommen. Wobei, Tratsch kann überall verbreitet werden. Doch in diesem Fall ist es doch äußerst naheliegend, wenn dies über solche Kanäle erfolgt. Danach blieb es allerdings diesbezüglich ruhig an deren Tisch.
Den Rest des Nachmittages verbrachte ich am See. Denn auch wenn es noch nicht zum Baden reichte, zum Liegen in der Sonne am See reichte das Wetter allemal. Und nachdem ich am frühen Abend noch einige Zeit in meinem Zimmer meines Elternhauses verbrachte, damals hatte ich ja noch das Wohnrecht in diesem Haus, beziehungsweise es gehörte mich sogar noch zur Hälfte, begab ich mich am Abend an diese Schirmbar am Dorfplatz vor dieser Weinschenke. Dort wollte ich eigentlich einen Abend, wie bevor ich bei VA Tech zu arbeiten begonnen hatte, verbringen.
An dieser Schirmbar angekommen, traf ich dort einen guten, alten Bekannten aus dem Dorf, Jürgen St., einen der Rauchfangkehrer des Dorfes. Nun kann ich zwar nicht behaupten, mit ihm hätte mich eine Freundschaft verbunden, aber wir kannten uns sehr gut und hatten, vor allem in meiner Jugend- und anfangs meiner Erwachsenenzeit sehr viel Zeit miteinander verbracht, da wir eine große gemeinsame Leidenschaft hatten, das Skifahren. Mit ihm habe ich sehr viele Tage gemeinsam auf der Skipiste verbracht. Damals, als ich noch nicht in Salzburg meine eigenen Wohnung hatte, meist in einen Skigebiet nur Unweit von Salzburg, der Skischaukel Hintersee – Spielbergalm – Gaissau. Dieses Skigebiet gehört zwar gerade zu den aufregendsten. Jedoch ist es äußerst Schneesicher, obwohl die Berge dort nicht sehr hoch sind, und zudem es ist das am schnellsten zu erreichende Skigebiet von diesem Dorf aus. Zudem gibt es dort doch auch einige durchaus anspruchsvolle Skipisten.
Auch abseits der Skipiste hatte ich mit ihm sehr viel Zeit verbracht. Hatten wir doch einst, noch in meinen Jugendjahren, gemeinsam, nachdem dies der örtliche Sportverein nicht mehr auf die Reihe brachte, eine Art von Training als Vorbereitung für den Winter in der Turnhalle der Volksschule organisiert. Und dies sogar über viele Jahre. Also, es war zwar keine wirkliche Freundschaft, welche mich mit Jürgen St. verbunden hatte, aber vielleicht eine Freundschaft in einem speziellen Bereich, dem Skifahren.
Nun war Jürgen St. zwar keinesfalls ein Außenseiter, allerdings gerade im Bereich des Sportes ein Sonderling. Denn nach einem Zerwürfnis mit dem örtlichen Sportverein, fuhr er sehr lange Zeit für einen Sportverein aus Wien, und dies auch rennsportmäßig, wenn natürlich auch nur im Amateurbereich und auf nationaler Ebene. Allerdings war er auch verrückt genug, international bei sogenannten Speed Skiing Veranstaltungen teilzunehmen, wobei er dabei auch sogar einmal österreichischer Rekordhalter war. In den letzten Jahren hatte er sich allerdings, für mich seltsamer Weise, wieder mit den örtlichen Funktionären des Sportvereins vertragen und wurde hier sogar wieder ein Mitglied. Ganz im Gegenteil zu mir. Denn ich wurde schon vor etlichen Jahren einfach von der Mitgliederliste gestrichen. Wovon ich allerdings auch erst erfahren hatte, wie sich andere ehemalige Vereinskollegen über den jährlichen Mitgliedsbeitrag unterhielten, ich allerdings plötzlich dafür keine Vorschreibung mehr erhalten hatte. Ich wurde somit einfach durch streichen aus der Mitgliederliste aus dem örtlichen Sportverein entfernt!
Zudem war Jürgen St. einer der wenigen im Dorf, mit welchen ich mich immer noch gut unterhalten konnte, wenn wir uns getroffen hatten, auch wenn mit vielen anderen im Dorf das Verhältnis bereits längst äußerst zurückhalten, ja sogar schlecht geworden war. Daher, kurz und gut, ich freute mich anfangs eigentlich sehr, in an diesem Abend an dieser Schirmbar getroffen zu haben. Aber mittlerweile war offenbar auch er mir gegenüber äußerst zurückhaltend geworden. Daher entwickelte sich auch kaum ein Gespräch zwischen uns. Viele andere Gäste waren an diesem Abend auch nicht an dieser Schirmbar, daher war dieses Treffen doch sehr zäh, um dies einmal so zu beschreiben.
Doch dann gingen zwei mir gänzlich unbekannte Männer mittleren Alters an der Hauptstraße an dieser Schirmbar vorbei. Wobei einer der beiden meinte,
„jetzt probiert er es hier wieder! – Dann steht er da wieder dauernd herum!“
Es war eine Situation, wie ich sie heute noch, als ich dies niederschreibe, beinahe täglich erlebe. Wo mir gänzlich unbekannte Personen in meiner Umgebung auftauchen, dort Äußerungen von sich geben, welche für jeden sofort erkennbar, nur dazu dienen, mich als unmöglichen Menschen darzustellen.
Nun hatte dies allerdings auch Jürgen St. gehört. Und er wendete sich von mir ab, hin zum Betreiber der Schirmbar und den wenigen Gästen an der anderen Seite, und meinte,
„jetzt tun wir ihn ganz weg!“
Dies war nun richtig verletzend mir gegenüber. Denn gerade von ihm hätte ich solch eine Äußerung niemals erwartet. Ich hätte eher erwartet, dass er darüber eine scherzhafte Äußerung über diese beiden Männer verlieren würde, hatte er mich doch dabei beobachtet, wie ich mich sofort umgedreht hatte, um zu sehen, von wem diese Bemerkung gekommen war. Doch dass nun auch mittlerweile er, in meiner Gegenwart, direkt neben mir, sodass ich dies auch hören musste, in dieser Weise reagiert, hätte ich nie erwartet. Noch vor einigen Jahren hätte ich von ihm dazu eine abfällige Bemerkung über diese beiden Männer erwartet. Viel zu oft war er doch selbst Angriffen in diesem Dorf ausgesetzt. Aber dies hatte mich nun mehr als überrascht.
Deshalb dachte ich mir, als ich mir die Reaktionen der anderen Gäste an der Schirmbar und jene des Wirtes angesehen hatte, es ist wohl besser, ich unternehme noch ein einziges Mal einen Versuch, diese Angelegenheit mit dieser „Silly“ zu bereinigen. Und sollte dies auch wieder nicht gelingen, dann ziehe ich mich auch aus diesem Dorf gänzlich zurück und fahre erst gar nicht mehr hier her. Auch wenn ich hier noch sehr viele Interessen, gerade mein Grundstück betreffend, hätte. Suche mir eine neue Arbeit, unternehme noch einmal einen Versuch eines völligen Neustarts im Leben, und erst wenn dieser gelungen ist, dann kümmere ich mich wieder um meine Interessen in diesem Dorf. Denn alles andere hätte gar keinen Sinn mehr. Wenn es ihnen nun auch gelungen war, jemanden wie ihn so weit zu bringen, dass er in meiner direkten Gegenwart andere dazu auffordert, mich nun „weg zu tun“, dann ehe ich keine Chance mehr, dies hier noch einmal in Ordnung zu bringen, sodass ich hier wenigstens ein unbehelligtes Leben führen könnte.
Somit war mir klar. In den letzten beiden Jahren war es ihnen gelungen, mir in meinem Leben so gut wie alles zu zerstören, was man mir nur zerstören konnte!
Daher fasste ich nun den Entschluss, am Tag darauf am Abend in die Flachau zu fahren und dort einen allerletzten Versuch zu unternehmen, diese Angelegenheit mit dieser „Silly“ zu bereinigen! Es blieb einfach nichts anderes übrig. Es wäre zudem das letzte gewesen, was ich nun noch in Ordnung bringen hätte können. Alles andere schien mittlerweile ohnedies ein dauerhafter schwarzer Fleck in meinem Bild des Lebens zu werden. Und nach all dem, was sich in den letzten Wochen und Monaten, aber vor allem in den letzten Tagen zugetragen hatte, dachte ich mir, wenigstens dies könnte nun doch noch funktionieren.
(2020-10-16)