Eicherloh, Donnerstag, der 16. Juni 2005:
Seit einigen Wochen traf ich an den Abenden in der Gaststätte im Hotel beinahe nur mehr die beiden Mitarbeiter des Bereichs Facility Management der Va Tech, welche zur Einschulung der neuen Mitarbeiter in der Allianz Arena in München hier waren. Wobei nun deren Zeit in München zu Ende ging. Schon zwei Wochen zuvor wurde einer der Mitarbeiter abgezogen, nun sollte auch noch die Zeit des letzten Mitarbeiters im des Bereich Facility Management zu Ende gehen. Die neunen Mitarbeiter im Fußballstadion waren offensichtlich nun alle eingeschult und wussten was sie zu tun haben.
Die Kollegen der technischen Auftragsbearbeitung waren zwar immer noch hier. Sie schienen auch so schnell nicht mit ihrer Arbeit hier zu einem Ende zu kommen. Und obwohl sie auch immer noch im gleichen Hotel übernachteten, sie am Morgen im gleichen Saal ihr Frühstück zu sich nahmen, allerdings bereits viel früher, meist schon gegen sieben Uhr in die Arbeit fuhren, sah ich sie beinahe an keinem der Abende mehr in der Gaststätte. Als hätte es dafür sie einen Anlass gegeben, nicht mehr mit mir am gleichen Tisch am Abend zu essen. Wobei mir diesbezüglich nichts aufgefallen war. Ich traf sie einfach nicht mehr – oder kaum mehr.
So saß ich nun an den meisten Abenden in den letzten Wochen mit den beiden Mitarbeitern des Facility Bereichs im Unternehmen am Abend in der Gaststätte. Nun sollte aber auch dies zu Ende gehen. Denn der letzte Mitarbeiter, Josef R., soll voraussichtlich mit Ende dieser Woche mit seiner Arbeit hier fertig sein und wieder zurück nach Linz kehren.
Daher hatten wir für diesen Abend eine kleine Abschiedsfeier angesetzt. Wobei dies nicht wirklich eine Feier sein sollte. Viel mehr ein gemütliches Zusammensitzen am Abend mit allen, mit denen er in den letzten Wochen hier zu tun hatte. Also den Bedienungen, dem Chef, der zwar meist nur in der Küche stand, der Chefin, welche am Abend den gesamten Betrieb am Laufen hielt und natürlich auch den Bedienungen in der Gaststätte. Selbst die Senior Chefin des Hauses sollte an diesem aBend nicht fehlen.
Daneben waren natürlich auch die beiden Töchter des Hauses eingeladen. Wobei die ältere der beiden ohnedies meist an der Schank arbeitete. Aber auch die jüngere Tochter wurde dazu von Josef R. eingeladen. Sie war auch die bedeutend hübschere der beiden Töchter und sorgte bei nicht wenigen der Gäste des Hotels auch immer wieder für Tratsch. Obwohl sie kaum in der Gaststätte anzutreffen war. Dies war offensichtlich auch nicht ihr üblicher Umgang. Nur morgens am Weg in die Arbeit, war sie im Frühstücksraum bei ihrer Mutter anzutreffen. Wobei mir ihre Mutter, die Chefin des Hauses, beinahe jeden Morgen beim Frühstücken von ihr stolz erzählte. – Ich war, nebenbei bemerkt, auch zu dieser Abschiedsfeier eingeladen worden.
So saßen am Abend, anfangs nur Josef R. und ich am reservierten Tisch, gleich der zweite Tisch beim Eingang in die Gaststube, direkt neben der Schank, aßen dort unser Abendessen und unterhielten uns, wie schon an vielen der Abende zuvor. Doch je leerer die Gaststube wurde, desto voller wurde unser Tisch bei uns, bis letztendlich auch der Chef aus der Küche kam und die Chefin, samt allen Bedienungen an diesem Abend, inklusive der älteren Tochter des Hauses, die an diesem Abend wieder an der Schank arbeitete, zu uns an den Tisch kamen und es in gleicher Weise auch immer lustiger an unserem Tisch wurde. Auch lustig war es durchaus schon an den Abenden zuvor immer wieder gewesen, doch an diesem Abend wurde es dann tatsächlich richtig lustig. So sollte es ja auch sein.
Doch dann kam auch noch, ich hätte es gar nicht erwartet, noch die jüngere der beiden Töchter des Hauses zu uns an den Tisch. Dies tat der Stimmung keinesfalls einen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Auch wenn es durchaus ersichtlich war, dass sie sich nun offensichtlich nicht in ihrem gewohnten Umfeld befand. Dachte ich zumindest. So deutete ich ihren doch meist etwas verklärten Blick am Tisch. Wobei sogar ihre Mutter am Tisch gar einmal zu ihr sagte,
„Steffi, was hast Du denn!“
Doch der Abend wurde immer länger und feucht fröhlicher und sollte noch bis weit über die sonst übliche Sperrstunde hinausgehen. Aber es blieb bei einem feucht fröhlichen abendlichen Zusammensitzen in einer Gaststube, wie es sich für den letzten Abend eines Mitarbeiters, der genau dazu eingeladen hatte, gehört. Bis eins, halb zwei Uhr in der Nacht saßen wir zusammen.
Eigentlich sollte man meinen, wer nach solch einem Abend denkt, dies könnte ein Nachspiel haben, sei etwas verrückt. Der steht nicht ganz mit beiden Beinen im Leben. Der hat Fantasien, Hirngespinste, ein Problem mit der Realität. – Nicht jedoch, wenn man es mit solchen Leuten zu tun hat!
(2020-10-13)