Ismaning, Donnerstag, der 17. Februar 2005:
An diesem Nachmittag war es dann so weit. Das Angebot für diesen Motorenprüfstand in Ingolstadt sollte abgegeben werden.
Jedoch war dabei die bisherige Vorgehensweise, ich schreibe das Kalkulationsblatt, unterschreibe dies, lege es „Adi“ zur Abzeichnung vor, welches dann zu Karl P. weitergesendet wurde, damit auch er es unterschreiben kann, danach ging dies zur kaufmännischen Abteilung zur Gegenzeichnung. Erst dann wurde das Angebot unterschreiben und an den Auftraggeber, beziehungsweise an das ausschreibende Ingenieurbüro versendet. Diesmal erstellte allerdings bereits „Adi“ das Kalkulationsblatt! Dazu telefonierte er auch vorher noch mit Karl P. Daher, es war klar zu erkennen. Mir gegenüber wurde mittlerweile größtes Misstrauen entgegengebracht!
Dabei hätte ich das Kalkulationsblatt dafür längst vorbereitet. Diesmal allerdings, nicht wie sonst üblich, nach erfolgter Kalkulation des Angebotes im Kalkulationsprogramm „Auer Success“, einfach die am Netzwerk vorhandene Vorlage dafür geöffnet und darin die Daten aus der Kalkulation einfach eingetragen, sondern nach dem Öffnen der Vorlage, die Netzwerkverbindung meines Rechners zum LAN-Netzwerk im Büro und somit zum Internet getrennt. War dieses Kalkulationsblatt doch einfach eine Excel Tabelle und das Programm dafür, Excel ohnedies auf dem Rechner lokal installiert, sodass ich das Kalkulationsblatt auch ohne Netzwerkverbindung ausfüllen konnte.
Dies deshalb, da ich schon lange den Eindruck hatte, einige meiner Kollegen würden stets genauestens darüber Bescheid wissen, woran ich gerade am Rechner arbeite, als würden sie dies beinahe online darauf zugreifen können. Wobei, all meine Dateien, welche ich in der Arbeit erstellte, waren auch stets am Netzwerk für jedermann, der die Berechtigung dafür hatte, einsehbar. Aber trotzdem hatte ich den Eindruck, das Wissen mancher Kollegen, auch von Kollegen aus Linz, mit welchen ich immer wieder einmal telefonierte, ging weit über die Einsicht in eine vorn mir erstellte Datei hinaus.
Daher kam ich zur Ansicht, dies müsste auf einem anderen Wege erfolgen. Vielleicht sogar mittels einer online Direktverbindung zu meinem Rechner, an welchem ich arbeitete. Wobei, von Programmen, wie „Team Viewer“, „Any Desk“ oder dergleichen hatte ich damals noch keine Ahnung. Wohl jedoch von einer remote Desktop Verbindung, welche sogar Microsoft in seinem Betriebssystem Windows als für Wartungszwecke äußerst hilfreiche Direktverbindung von zwei Rechnern in einem Netzwerk.
Deshalb vermutete ich, über solch eine Verbindung müsste es doch auch möglich sein, mir beinahe permanent bei der Arbeit zuzusehen und dabei auch zum Beispiel das Ergebnis meiner Angebotskalkulationen längst kennen, bevor das für die Angebotserstellung notwenige Kalkulationsblatt bei den zuständigen Stellen zur Unterschrift vorliegt. Denn weder „Adi“ noch Karl P. sahen sich meine Kalkulationsblätter, welche ich ihnen zur Abzeichnung vorlegte, meist im Detail an, Sie zeichneten diese stets nur ab, als wüssten sie ohnedies längst, was darin eingetragen sein würde.
Es mag auch Zufall gewesen sein, dass ich in der Zeit, als mein Rechner nicht an das LAN-Netzwerk angeschlossen war, vermehrt Anrufe von Kollegen aus Linz erhalten hatte. Nicht nur aus speziellen Anlässen bezüglich des Angebotes, an welchem ich gerade arbeitete. Sondern auch aus profanen Anlässen, nur um mich zu fragen, ob eh alles klar sei in der Arbeit. Oder aber auch, dass plötzlich Kollegen zu mir an den Arbeitsplatz kamen, sich dabei allerdings nicht neben mich stellten, um mit mir zu sprechen, sondern sich hinter mich stellten, damit sie dabei auch auf den Bildschirm meines Rechners blicken konnten. Nicht nur „Adi“ fiel mir dabei auf, sondern auch Kollegen der technischen Projektabwicklung des Fußball Stadions, welche plötzlich und ohne eigentlichen Grund bei mir am Arbeitsplatz erschienen, um sich mit mir zu unterhalten. Überzeugt war ich allerdings längst nicht mehr davon, dies wäre nur Zufall gewesen. Denn dazu war das Misstrauen, aber auch die Verachtung mir gegenüber, welche mir in diesem Unternehmen entgegengebracht wurde, viel zu hoch!
Doch dies war bei diesem Angebot nun ohnedies nicht mehr von Bedeutung, denn „Adi“ hatte ja das Kalkulationsblatt für dieses Angebot nun selbst erstellt. Daher war meine Befürchtung, ich würde dabei erwischt werden, Karl P. bei seinen Anweisungen, wie ich meine Arbeit zu erledigen hatte, nun gänzlich zu hintergehen, gar nicht unbegründet.
Aber dies war mir mittlerweile auch egal. Denn, selbst wenn es ans Tageslicht kommen wurde, dass ich mich bei der Erstellung dieses Angebotes nicht an die Kalkulationsanweisungen von Karl P. gehalten hatte, dann hätte ich ihm und auch „Adi“ jenes Angebot von Siemens unter die Nase gehalten, bei dem deutlich erkennbar war, selbst mit üblichen Kalkulationsansätzen lag ich bisher bei der Erstellung der Angebote gut im Rennen. Denn seitens des Mitbewerbers wurden auf dieses Angebot, wenn es nach üblichen Kriterien erstellt wurde, lediglich ein paar Prozent draufgeschlagen, sodass auch deren Endpreis über 90.000 Euro liegen musste. Daher waren die Endpreise meiner bisherigen Angebote mit Sicherheit nicht zu hoch, wie dies Karl P. mir zur Last legen wollte.
So legte mir an diesem Tag „Adi“ das Kalkulationsblatt für dieses Angebot vor, welches ich lediglich abzeichnen sollte. Dabei sah ich allerdings, mein Endpreis nach meiner Kalkulation wurde dabei übernommen. Weiters hatte ich mit diesem Angebot nun nichts mehr zu tun. Nun war ich gespannt, wie dies weitergehen würde.
(2020-09-01)