„Spinnst Du!“
Salzburg, Donnerstag, der 8. April 2004:
Nachdem ich mich an diesem Tag endlich wieder einmal so richtig ausruhen konnte, beschloss ich am Abend noch in die Innenstadt auf ein Bier zu gehen. Und nachdem ja nun ein Teil der Belegschaft des Lokals vom „verrückten Wirt“ in Salzburg ein Lokal betrieb, ging ich auch meist dort hin.
Dieses Lokal hieß damals „Jexx“ und befand sich am Ende der Gstättengasse, direkt neben der Ursulinenkirche. Ein wunderschönes Lokal. Beinahe das gesamte Lokal ist in den Fels gehauen. Gleich nach dem Eingang befand sich damals eine kleine Bar, welche meist von „Radi“ geführt wurde, diese Bar war auch an Wochentage geöffnet, und ging man die Treppe hoch kam man in einen großen Raum, welcher zur Gänze in den Fels geschlagen war. Ich kannte dieses Lokal zwar schon sehr lange, besuchte dies früher allerdings nur sehr selten, denn es war zu Fuß von meiner Wohnung in Parsch sehr weit entfernt und der Weg dorthin war mir meist zu weit. Zuletzt war dieses Lokal geschlossen und wurde erst im Herbst zuvor wieder eröffnet und eben von einem Teil der Belegschaft des „verrückten Wirts“ betrieben.
Nun ging ich also an diesem Abend in die Innenstadt und besuchte dieses „Jexx“. Auch „Radi“ arbeitete wieder an diesem Tag, wie immer an der kleinen Bar gleich am Eingang. So stellte ich mich zu ihm und plauderte mit ein wenig. Aber nach einiger Zeit begann er an seiner Bar aufzuräumen und kaum war er damit fertig, meinte er, er würde nun seine Bar schließen und fragte mich, ob ich mit nach oben käme. Nachdem ich noch nicht nach Hause gehen wollte und auch in kein anderes Lokal wechseln wollte, kam ich dann auch mit ihm nach oben. Dort arbeitete er nun weiter und ich stand an der großen Bar. Aber kaum hatte ich dort Platz genommen, meinte eine seiner Kolleginnen zu ihm, welche im Sommer auch bei diesem „verrückten Wirt“ arbeitet,
„Spinnst Du!“
Darauf er,
„wieso?“
„Du kannst doch den jetzt hier nicht mit nach oben bringen – wenn der jetzt in der Gesellschaft eingeführt wird …!“
Darauf „Radi“,
„dann tun wir ihn weg!“
Nun stand ich doch etwas verwundert da, denn sonst war „Radi“ freundlich, ja beinahe nett und nun kommen solche Töne. Aber dabei dachte ich mir auch, irgendwie nehmen sie sich doch sehr wichtig, denn glaubt sie wirklich, ich hätte daran Interesse hier in die Gesellschaft eingeführt zu werden, wie sie es bezeichnete? Und vor allem, in welche Gesellschaft sollte ich hier eingeführt werden?
Nun lebte ich schon seit 1996 in Salzburg, arbeitete seit 1990 dort und ging seit 1984 in Salzburg in die Schule, hatte mir dort einen Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut und achtete immer darauf, gerade hier niemals ein Problem entstehen zu lassen. Mit meinem Leben in Salzburg war ich höchst zufrieden, bis dieses unsägliche Theater mit ihnen begann. Und nun meinte dieses dumme Mädchen, sie hätte Angst, ich könnte hier in „die Gesellschaft“ eingeführt werden? Gerade diese „Gesellschaft“ war es, welche ich stets mied. Ausgehen, dass war für mich in den 1990er Jahren lediglich, am Abend auf ein Bier zu gehen. Auch wenn ich dies in dieser Zeit sehr oft alleine tat, aber dann auch lediglich deshalb, da ich Ausgehen als die ideale Möglichkeit sah, die verschiedensten Menschen kennen zu lernen. Und da Salzburg bekanntlich eine Touristenstadt ist, war es hier für mich immer sehr einfach und auch höchst interessant, Menschen aus der ganzen Welt kennen zu lernen. Wenn man zudem weiß, wie man mit fremden Menschen umgehen muss, wie weit man sie an sich heran lassen darf und wie viel man dabei von sich selbst preis geben darf, dann ist dies auch aus meiner Sicht überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil.
Nun meinte also diese Tusse, ich könnte in die „Gesellschaft“ eingeführt werden. In diese Gesellschaft, welche ich immer mied. Für mich waren dies immer die sogenannten „Insider“, welchen ich eigentlich nur aus dem Weg gehen wollte, da ich sie nicht mochte und auch nicht wollte. In diese „Gesellschaft“ wollte ich nie eingeführt werden und werde dies auch nie wollen, da dies einfach nicht mein Leben ist. Aber gerade davor hatte sie nun Angst, ich könnte darin eingeführt werden.
Zudem wurde mir nun auch klar, was ich von diesem „Radi“ in Wirklichkeit halten musste. Ein falscher Fünfziger, wie frisch aus der Druckmaschine. Wahrscheinlich hatte er auch nur deshalb stets die untere Bar direkt am Eingang betrieben, da er wusste, ich würde mich zu ihm an die Bar stellen, oder sie könnte mich dort glatt „abfangen“, damit ich nur ja nicht in „die Gesellschaft“ eingeführt werden könnte.
Eines muss ich an dieser Stelle auch erwähnen. Dieses Lokal war wunderschon. Es wurde zudem auch ebenfalls wunderschön neu eingerichtet, als es im Herbst des abgelaufenen Jahres von ihnen übernommen wurde, aber es war sehr schlecht besucht. Was für mich auch kein Wunder war, denn offensichtlich waren sie in „dieser Gesellschaft“ scheinbar auch nicht wirklich „eingeführt“.
Mir wäre eigentlich alles egal gewesen, ich wollte mich lediglich mit ihnen verstehen und auskommen – ein Leben mit ihnen nebeneinander führen! Diese Angelegenheit, dieses Kindergartentheater mit dieser „Silly“ war für mich ohnedies schon längst erledigt. Dies musste aber noch aus der Welt geschaffen werden, geklärt werden. Sie hier zu treffen, davon ging ich ohnedies den ganzen Winter nie aus. Und wenn, dann wäre dies, so wie sie sich bisher mir gegenüber verhalten hatte, mit Sicherheit eine Katastrophe geworden. Ich wollte lediglich einen Weg finden, all dies aus der Welt zu schaffen und endlich wieder in Ruhe und Frieden mein Leben führen, sowie in der Arbeit nicht mehr länger damit belangt werden. Unter normalen erwachsenen Menschen dürfte dies kein Problem sein, sollte man meinen, aber mir ihnen würde die wohl niemals gelingen.
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