Salzburg, Donnerstag, der 1. April 2004:
Eigentlich hatte ich es aufgegeben, diese Angelegenheit mit dieser „Silly“ und all dem, was damit nun verbunden war, doch noch einmal lösen zu können. Aber irgendwie vielleicht doch nicht. Denn für mich erschien dies alles derart verrückt, ja regelrecht abartig, weshalb ich vielleicht nicht glauben konnte, dies würde nun ewig so weitergehen.
Daher fand ich mich weiterhin abends noch in diesem „Jexx“ in der Gstättengasse ein. Denn so hatte ich wenigstens irgendeinen Kontakt zu Leuten aus ihrer Umgebung, auch wenn dies kaum etwas brachte. Aber wenigstens konnte ich mit „Radi“ und dessen Freundin immer wieder einmal etwas unterhalten, wenn ich bei ihnen an der Bar stand. Gelegentlich hatte „Radi“ ja auch schon etwas von sich gegeben, was er dann aber höchst wahrscheinlich am nächsten Tag wieder bereute.
So stand ich auch an diesem Abend an der Bar bei „Radi“. Doch dieses Lokal war immer schlechter besucht. Daher hatte ich schon Befürchtungen, dies würde bald wieder schließen und ich danach wieder ins Lokal des „verrückten Wirtes“ nach Mondsee fahren müsste, um nur irgendetwas mit denen zu tun und einen Kontakt zu haben. Schon die Woche zuvor war am Donnerstag der Aufgang in den oberen Bereich des Lokals abgesperrt, da dieser unter der Woche erst gar nicht mehr betrieben wurde.
An diesem Abend saß allerdings auch Gebhard T., der, so viel ich mitbekommen hatte, in diesem Winter auch hier als Barchef fungierte, auch an einem der Tische hinter der Bar an der Wand. Dort unterhielt er sich mit einer Frau, vielleicht Mitte vierzig, und dieses Gespräch klang gar nicht gut. Als ich ins Lokal kam begrüßte er mich zwar noch freundlich, wie eigentlich fast immer, doch dann ging es in diesem Gespräch um den Geschäftsgang in diesem Lokal, sowie dass dieser nicht besonders sei gut und zudem immer schlechter werde. Daher dachte ich mir auch schon, bald wird dieses Lokal wieder geschlossen werden.
Aber da fragte ihn diese Frau, mit welcher er am Tisch sagte, wer denn ich sei. Worauf er meinte,
„das ist der Mann! Er kann das nicht glauben, dass die“,
wie er sagte,
„nichts will von ihm. Daher führt er sich derart auf und gibt allen anderen die Schuld. Deshalb werden die Leute auch alle ganz verrückt!“
Nun hätte ich am liebsten einen Satz rückwärts gemacht und zu ihm gesprungen, um ihm an den Kragen zu gehen. Denn, dies entsprach zwar dem, was damals von ihresgleichen, vor allem diesem „verrückten Wirt“ von sich gegeben wurde, allerdings nicht gerade viel mit der Realität zu tun hatte. Ginge es nach mir, dann wäre all die längst geregelt und ich hätte mit ihnen überhaupt nichts und auch nie mehr etwas zu tun. Am liebsten wäre es mir zu dieser Zeit bereits gewesen, nie auch nur irgendein Lokal jemals mehr betreten zu müssen. Denn von diesen Intrigen – eigentlich generell vom gesamten Gastgewerbe hatte ich mittlerweile die Schnauze restlos voll. Für mich war dies einfach nur mehr krank, was ich mit dieser „Silly“ erleben musste. Dabei müsste es doch unter erwachsenen Menschen eigentlich ganz einfach sein, so etwas zu lösen, zu bereinigen. Nicht allerdings, wenn eben genau diese Seite dies alles, diese Intrigenspielchen, mit voller Absicht betreiben und dann einfach keine Lösung mehr zulassen wollen. Am Sonntagabend zuvor hatte ich es ja hautnah miterleben können, wo das Problem eigentlich liegt – und das bin keinesfalls ich! Ich hätte in die Luft gehen können, als ich dies gehört hatte.
Dieses Gespräch zwischen Gebhard T. und dieser Frau hatte allerdings nicht besonders lange gedauert. Zumindest nicht mehr, als ich in diesem Lokal gewesen war. Plötzlich war die Frau verschwunden. Zuvor dachte ich mir noch, bezüglich dem, was Gebhard T. hier von sich gegeben hatte, spreche ich im Anschluss noch mit ihm, denn mir reichte dies längst, was ich immer wieder zu hören bekommen musste. Aber da war auch er plötzlich verschwunden.
Nachdem ich gemerkt hatte, dass beide nicht mehr im Lokal sind, fragte ich „Radi“, mit wem sich Gebhard T. hier gerade unterhalten hatte. Worauf er mir erklärte, dies wäre die Besitzerin des Lokals gewesen – eine Frau aus München.
Ich hatte innerlich noch gekocht, lies mir allerdings nichts anmerken. Doch dann fragte „Radi“ mich,
„und was machst Du in Zukunft? – Irgendwann wirst Du wohl wieder nach Hause zurückkehren, oder?“
Worauf ich zunächst regelrecht konsterniert war, da er mich nun dies fragte. Ihm dann allerdings sofort darauf antwortete, ich würde keinesfalls mehr, wenn er das damit meinen würde, in mein altes Heimatdorf nach Unterach zurückgehen, denn dazu wären in den letzten Jahren, seitdem es dieses Theater, vor allem mit dieser „Silly“ gibt, Gräben aufgerissen, welche keinesfalls mehr zugeschüttet werden könnten. Zudem würde dies nun in Salzburg in ähnlicher Weise weitergehen, dann werde ich auch hier nicht mehr lange bleiben, sondern mir eine neue Heimat suchen. Mit diesem Theater, wie ich es nannte, möchte ich keinesfalls den Rest meines Lebens weiterleben. Dies war auch die Zeit, in der ich begann, ernsthaft darüber nachzudenken, meine alte Heimat, auch die nun hier in Salzburg, aufzugeben, mir anderswo eine neue Arbeit zu suchen und wegzugehen.
Kaum hatte ihm dies allerdings gesagt, da hörte ich, wie zwei junge Frauen, sie saßen im hinteren Bereich des Lokals auf einem der Tische abseits, dies wohl mitbekommen hatten. Wobei eine der beiden meinte,
„au weh! Das wird dann nichts mehr! Wenn das für ihn derartige Folgen gehabt hat, dann wird er dies auch nie mehr tun!“
Es war regelrecht so, als hätte „Radi“ den Auftrag gehabt, mich dies zu fragen, denn von ihm hätte ich dies sonst auch gar nicht erwartet, und diese beiden jungen Frauen hätten dann darauf gewartet, wie ich darauf reagiere. Wobei sie dann doch sehr betroffen reagierten, als sie hörten, wie aufgebracht ich darauf reagiert hatte.
Nunn passten diese beiden jungen Frauen aber überhaupt nicht zu den üblichen Gästen. Schon gar nicht zum „Freundeskreis“ dieses „verrückten Wirtes“. Ich hatte sie zuvor auch noch nie wahrgenommen. Aber irgendwie klang dies, als hätte hier jemand etwas vorgehabt, als wollte jemand damit etwas erreichen, den ich noch gar nicht richtig wahrgenommen hatte, und nun auf die Rückmeldung meinerseits warten und die beiden jungen Frauen hätten dies nun entgegengenommen.
Damals hatte ich mit diesem Erlebnis noch überhaupt nichts anfangen können. Ich dachte mir nur, hier beschäftigt sich jemand damit, wie ich auf diese Intrigenspiele reagiere. Was ich auch zunächst nicht als negativ ansah, denn, so dachte ich, würde damit doch irgendwann einmal mit Sicherheit die Wahrheit ans Tageslicht kommen und sich herausstellen, dass ich mit all dem eigentlich überhaupt nichts zu tun habe – und dies vor allem auch überhaupt nicht wollen!
Wobei ich dazu erwähnen muss, an eine Rückkehr in mein altes Heimatdorf nach Unterach, dort meinen alleinigen Wohnsitz zu haben, dort womöglich auch noch zu arbeiten, oder von dort aus in die Arbeit zu fahren, daran war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr zu denken. Denn dabei hätte ich regelrecht Angst um ein Leben gehabt. Nicht etwa, weil ich befürchtet hätte, mir würde dort jemand etwas tun. Sondern weil ich Befürchtungen hatte, dort einmal als langzeitarbeitsloser Sozialhilfeempfänger zu enden, der an Einsamkeit zu Grunde geht.
Dabei fiel mir stets „Stocki“ ein. Nicht etwa, weil ich ihn schlecht machen möchte. Ganz im Gegenteil. Denn nach all dem, was ich bisher in meinem Leben ertragen musste, was ich über dieses Unding wusste, verstand ich auch dessen Schicksal und befürchtete für mich Ähnliches. Zu diesem Zeitpunkt lebte er zwar noch, wurde allerdings nicht mehr besonders alt. „Stocki“ galt zwar als Alkoholiker, wobei ich dies nicht bestätigen konnte, und war ein ruhiger, harmloser Zeitgenosse, welcher einige Jahre später an einem Morgen von Schülern in einem Wartehäuschen an einer Bushaltestelle tot aufgefunden wurde. Tragisch möchte man einen. Jedoch wenn man weiß, welche Freunde er in jungen Jahren hatte und wie er in jungen Jahren lebte, dann wird einem schnell etwas bewusst. Auch er entstammte einer alten Familie im Dorf, welche einst äußerst viel Grund besaß, lange und intensiv über diverse Umwidmungen von Teilen davon gesprochen wurde. Zudem galt er als junger Mann regelrecht als Lebemann und Schönling, so erzählte es mir zumindest sein ehemaliger Freund Andreas M., der Wirt der Weinschänke am Dorfplatz. Wobei „Stocki“ allerdings von mir hier nur als Beispiel Fall erwähnt sei.
Diese Leute sind einfach bösartig – abartig bösartig. Und dies war mir schon lange bewusst! – Mittlerweile war mir zudem auch längst das Schicksal, welches meine Mutter erleiden musste, bewusst geworden! Auch sie wurde ja nicht gerade besonders alt. Sie starb zwar an einem natürlichen Tod. Aber so besonders „natürlich“ waren die Umstände diesbezüglich nicht! Und je mehr ich darüber nachzudenken begann, desto größer wurden meine Befürchtungen, auch bei meinem Vater war dies nicht viel anders gewesen! Daher, daran war einfach gar nicht mehr zu denken. Allerdings aufgeben wollte ich deshalb in diesem Ort nichts! – Oder vielmehr gerade deshalb nichts!
Nicht viel anders sah es zu dieser Zeit auch bereits hier in Salzburg aus. Auch hier hatte ich längst die Befürchtung, als langzeitarbeitsloser Sozialhilfeempfänger zu enden. Allerdings hatte ich hier tatsächlich auch Angst um mein Leben!
(2020-02-05)