Westendorf, Unterach, Freitag, der 23. April 2004:
Nun hatte ich auch noch einen zweiten Auftrag erhalten. Wieder in Tirol. In Westendorf, einem Dorf im Brixental, gleich direkt gegenüber von Hopfgarten, sollte ein neues Seniorenwohnheim errichtet werden. Dieser Auftrag war auch wieder nicht gerade ein Großauftrag, aber wenigstens hatte somit meine Aufgabe Angebote zu kalkulieren und zu schreiben nun auch den entsprechenden Erfolg gebracht.
Dafür war ich erst zwei Tage zuvor bei der Angebotseröffnung in Innsbruck gewesen. Dort waren wir auch, entsprechend dem Ergebnis dieser Angebotseröffnung, Bestbieter, aber ich war doch überrascht, als ich gleich am Tag darauf, also gestern, einen Anruf aus dem Büro in Innsbruck erhielt, ich sollte heute bereits bei einer ersten Besprechung vor Ort dabei sein. Dabei ging es um einen Termin mit dem Energieversorgungsunternehmen und der Klärung, wie dieses neue Gebäude, in welchem Wohnungen für Senioren untergebracht werden sollten, mit Strom versorgt wird.
Also bestellte ich mir gestern noch für heute einen Leihwagen bei unserer Empfangsdame Andrea H., welche diese stets organisierte, und fuhr an diesem Tag nach Westendorf, um dort diesen vor Ort Termin mit der Tiwag wahrzunehmen. Dieser Termin dauerte allerdings nicht besonders lange. Was auch nicht weiter verwunderlich ist. Denn dieses Seniorenwohnheim war eigentlich nicht weit vom Ortszentrum entfernt, daher wäre es auch verwunderlich gewesen, würde die Versorgung des Gebäudes mit Strom hier ein Problem darstellen. Irgendwie war ich verwundert, dass dieser Termin überhaupt notwendig war. Zudem wäre dies eigentlich auch ein klassischer Termin, welchen eigentlich der Planer wahrnehmen müsste, gewesen. Allerdings dieser war bei diesem Termin erst gar nicht anwesend. Vielleicht lag auch hierfür der Grund, weshalb gleich das ausführende Unternehmen dazu eingeladen wurde.
Nun hatte ich den Nachmittag wieder Zeit, diesen zu nützen, ohne im Büro sitzen zu müssen. Zugegeben, an diesem Tag hatte ich es mit meinen „Ausflügen“ bei solchen Anlässen, um nicht im Büro in Salzburg sitzen zu müssen, vielleicht etwas übertrieben. Denn am frühen Nachmittag, vielleicht gegen 15:30 Uhr, war ich in meinem alten Heimatdorf in Unterach angekommen. Dort besuchte ich das Lokal meiner alten Nachbarn und kaufte mir dort noch einen Kaffee.
Dies war ja nicht mein erster „Ausflug“ nach solch einem Termin, aber dazu hatte ich noch nie irgendetwas dazu vernommen. Obwohl ich doch, wie ich dies oftmals schon eindrucksvoll erleben musste, stets regelrecht überwacht wurde und jede meiner Aktivitäten genauest mitverfolgt wurde. Dazu hatte ich noch nie irgendetwas mitbekommen, als hätten manche vielleicht sogar regelrecht darauf gewartet, dabei würde einmal etwas passieren und ich dadurch ein Problem haben würde. Aber, ehrlich gesagt, manchmal wäre mir dies auch schon egal gewesen. Nun, da ich in Unterach angekommen war, bestand dieses Problem auch nicht mehr, denn dafür hätte ich auch schnell eine Erklärung gehabt, warum ich am Rückweg von Westendorf in Tirol plötzlich hier angekommen war.
Ich war gespannt, wie man auf meine Anwesenheit reagiert, wenn ich um diese Zeit in diesem Lokal auftauche. Zudem war ich ja auch nicht mit meinem Auto unterwegs, sondern mit einem Leihwagen, mit Kennzeichen aus einer ganz anderen Gegend in Österreich. Ich glaube, ich hatte damals ein Fahrzeug mit einem Kennzeichen aus Leoben in der Steiermark.
Im Lokal war ich zunächst der einzige Gast. Was mich auch nicht weiter wunderte, denn um diese Jahreszeit, um diese Uhrzeit ist das Dorf meist noch regelrecht ausgestorben. Zudem arbeiten ja auch die meisten um diese Zeit in solch einem Dorf und haben keine Zeit, sich einfach ins Café zu setzen. – Wie auch immer.
Allerdings waren meine beiden ehemaligen Nachbarn, Ernst und Beate Sch. im Lokal. Sie betrieben dies ja auch gemeinsam, ohne Bedienstete. Anfangs war beiden auch nichts anzumerken, als ich plötzlich – oder vielleicht auch für sie gar nicht so plötzlich – im Lokal stand, mich an die Bar setzte und dort einen Kaffee bestellte. Aber dann bemerkte ich, wie schon des Öfteren in diesem Lokal, wie Ernst Sch. im hinteren Bereich des Lokals verschwand und dort offensichtlich telefonierte. Auch dies wunderte mich nun bereits überhaupt nicht mehr, denn auch dies kannte ich ja mittlerweile aus so gut wie jedem Lokal, in welches ich ging.
Als er dann allerdings wieder zurück an den Tisch kam, an welchem seine Frau noch saß, meinte er,
„na, da sind die schon viel erfolgreicher, wie der! Der mit seinen mickrigen kleinen Aufträgen – und dafür jedes Mal so weit fahren. – Die hingegen sind an richtig großen dran. – Da wollen sie ihn jetzt auch reinbringen. Aber wenn der so tut, dann wird das nichts werden!“
Dies passte wieder einmal eindeutig zu meiner aktuellen Situation in der VA Tech, daher war mir klar, was er damit meinte. Denn meine mickrigen Aufträge sind die beiden kleinen Aufträge, welche ich nun in Tirol hatte. Diesen kleinen Auftrag beim Baumarkt in Vomp hatte ich ja schon seit einigen Wochen. Nun kam also noch ein weiterer kleiner Auftrag mit der Ausführung der Elektroinstallation bei der Errichtung eines Seniorenwohnheims in Westendorf dazu. Und jene großen Aufträge bei denen „sie“ dran sind, bei welchem sie mich nun „reinbringen“ wollten, das entsprach haargenau jenem Projekt für den Neubau eines Autohauses in Salzburg, worüber mir der Segmentleiter Herbert St. in Innsbruck, anlässlich seiner Vorstellung seines Bereiches, erzählt hatte, bei welchem ich in naher Zukunft schon in der Planung, vor Beginn der Angebotsfrist, mitarbeiten sollte. Dies zumindest dabei angedeutet hatte. Näheres wollte er mir ja bei der Schulung in Wien berichten, an welcher ich in der kommenden Woche teilnehmen sollte. Auch „Zucki“ hatte dieses Projekt schon hin und wieder im Büro erwähnt. Dabei liefen diese Gespräche darüber meist regelrecht konspirativ ab, als sollte sonst niemand davon etwas wissen dürfen.
Seine Frau meinte darauf,
„dann brauchen wir uns also nicht mehr überlegen, ob wir auf ihn Rücksicht nehmen sollen!“
Welchem Ernst Sch. mit einem Kopfnicken und leisem,
„Hm – hm!“
zugestimmt wurde.
Dieser Wandel ihrer Einstellung mir gegenüber, ihrem ehemaligen Nachbarn, hin zu jemanden, den, oder die sie höchstwahrscheinlich nicht einmal kannten, ging aber nun doch etwas schnell. Denn es war noch nicht einmal drei Wochen her, da stand ich ebenfalls in diesem Lokal an der Bar, am gleichen Platz, wie an diesem Tag, da meinte Beate Sch. noch, sie würden es sich vielleicht doch noch einmal überleben, ob sie mit denen mitmachen wollen. Nun schien dies klar zu sein. Daher war ich gespannt, was nun folgen würde. Vor allem da Ernst Sch. ja ich meinte, dies würde nichts werden, mich in dieses Projekt reinzubringen, wenn ich so agieren würde. Wobei mir nicht ganz klar war, was er damit meinen könnte. – Vielleicht dass ich an diesem Tag einfach zu dieser Zeit, eigentlich während der Arbeitszeit, in deren Lokal erschienen bin? Aber dies allein könnte dafür nun wirklich nicht der Grund sein.
Besonders gespannt war ich allerdings, ob ich nun etwas in meiner Umgebung, vor allem in der Arbeit, darüber wahrnehmen werde, da ich an diesem Tag nach meinem Termin in Westendorf in Tirol am Nachmittag plötzlich in meinem alten Heimatdorf in Unterach gewesen bin.
(2020-02-04)