Salzburg, Mittwoch, der 17. März 2004:
Den ganzen Tag über herrschte im Büro gedämpfte, eigentlich fast schon krampfhaft unterdrückte Aufregung. Egal in welcher Ecke im Büro ich mich gerade aufhielt, ob an meinem Arbeitsplatz, den ich längst nur mehr als Glaskäfig empfand, oder am Pausenplatz bei der Sitzgruppe am Kaffeeautomat, der ja auch die Raucherecke im Büro war, überall war Getuschel über mich, diese „Silly“ und dass „die“ ja nur mit „dem“ wegen mir zusammen wäre, dies allerdings nichts sei. Manchmal hatte ich richtig damit zu tun, dabei nicht Kopfschmerzen zu bekommen, wer den nun mit „der“, „die“ und „dem“ gemeint sein könnte. Aber da ich dieses Getuschel nun mittlerweile seit vielen Monaten kannte, kaum ein Tag verging, in dem nicht darüber etwas zu vernehmen wahr, wusste ich dann trotzdem immer schnell, wer damit gemeint sein musste.
Zudem auch über „Hörbi“, welcher beinahe schon von manchen Kollegen belächelt und bemitleidet wurde. Was mich allerdings kaum wunderte, denn hätte er tatsächlich noch einmal in diesem Betrieb offiziell eine leitende Funktion erhalten, dann wäre dies eigentlich schon eine Frechheit gewesen. Daher verstand ich es auch überhaupt nicht, warum sich Christian H. dies überhaupt antat, ihn als Abteilungsleiter, wie dies stets bezeichnet wurde, obwohl dies nur eine Position als Gruppenleiter war, für die Gebäudetechnik in Salzburg vorzuschlagen. Von „Hörbi“ selbst war allerdings kaum etwas zu vernehmen. Es schien so, als würde er an seinem Platz regelrecht kleben und dort schmollen.
Auch über Christian H., dem neuen Geschäftsführer, war gelegentlich etwas zu vernehmen. Da hieß es doch glatt, vielleicht wäre sein Aufstieg im vergangenen Jahr vielleicht doch etwas zu schnell erfolgt. War er doch Anfang des letzten Jahres noch „einfacher“ Projektleiter im Bereich der Automatisierungstechnik in Salzburg, bis der damalige Leiter dieser Abteilung plötzlich von einem Tag auf den anderen aus dem Unternehmen verschwunden war, wobei ich den Grund dafür nie so recht verstanden hatte, und nun, nicht einmal ein Jahr später war er plötzlich der neue Geschäftsführer in diesem Betrieb, der Region West in der VA Tech mit circa 70 Mitarbeitern in Salzburg, circa 40 Mitarbeitern in Innsbruck, und einem Jahresumsatz von gut 10 Millionen Euro. Eigentlich nicht viel, aber sein Aufstieg vom Projektleiter zum Geschäftsführer war doch äußerst bemerkenswert.
Mein Arbeitsplatz war allerdings mehr ein Glaskäfig als ein Platz, an welchem ich in Ruhe meiner Arbeit nachgehen konnte. Denn jeder der das Büro betrat, das Büro verließ, oder sonst irgendetwas am Empfang, wobei Andrea H. nicht nur Empfangsdame, sondern ja auch Sekretärin der Gebäudetechnik, des Verkaufs, also für „Zucki“, und auch sonst noch einige zusätzliche Aufgaben im Betrieb hatte, hatte direkten Blick auf mich, wie ich an meinem Arbeitsplatz sitze und dort versuchte, meiner Arbeit nachzugehen. Wenigstens hatte ich mittlerweile Aufgaben in diesem Betrieb und schlug nicht nur mehr sinnlos die Zeit tot.
Es gab allerdings kaum einen Kollegen, der nun am Empfang vorbeikam, dort etwas zu erledigen hatte, der nicht auch mit einem Kollegen oder Andrea H. auch über mich sprach. Wobei jedes der Worte durch die Trennwand, die kaum Schallschutz aufwies, zudem auch meist noch die Tür in mein Büro offenstand, da „Zucki“ kaum länger an seinem Arbeitsplatz saß und ständig im Büro unterwegs war und er dabei die Tür stets offenließ. Wobei, es hatte auch schon Tage gegeben, da hatte er bewusst jedes Mal, wenn das Büro verließ, ins Büro zurückkam, auch die Tür hinter sich geschlossen, als wäre ihm dies selbst längst aufgefallen, dass ich jedes der Worte, welches über mich am Empfangstresen gesprochen wird, mitbekommen müsste.
Als allerdings dieser Arbeitstag dem Ende entgegen ging, verließen einige Kollegen das Büro beinahe auffallend früher als üblich. So auch Beatrix L., die, wieder einmal, gemeinsam mit Michael B., unserem Betriebsrat, das Büro schon gegen halb vier Uhr nachmittags verließen. Es sah tatsächlich schon so aus, als hätten beide den gleichen Weg von und zur Arbeit, so oft kamen oder verließen beide das Büro gemeinsam. Auch diesmal geschah dies nicht ohne einer der üblichen kurzen Dialoge an der Zeiterfassung am Ausgang aus dem Büro über mich. Da meinte sie,
„hoffentlich drehen die uns das nicht wirklich noch alles um!“
Worauf er meinte,
„ach was! Wegen dem sicher nicht! Die bekommt der nie wieder und ohne der hat er keine Chance mehr!“
Danach ging die Tür hinter beiden zu.
Wieder einmal so ein Dialog, bei welchem nur über „dem“, „der“, „die“ gesprochen wurde aber keine Namen verwendet wurden. Wusste man allerdings, wer damit gemeint sein musste, dann war sehr schnell klar, worum es dabei ging.
(2020-02-14)