Salzburg, Donnerstag, der 19. Februar 2004:
Anfang 2004 begann es wenigstens halbwegs zu laufen in diesem Unternehmen, in welches ich im August 2003 wechselte. Und so bekam ich auch eine Ausschreibung für eine Sanierung in einer Abteilung eines Krankenhauses, um dafür ein Angebot zu kalkulieren. Schon zu Beginn meiner Berufslaufbahn hatte ich unzählige Ausschreibungen für Sanierungsmaßnahmen in der Elektroinstallation in diesem Krankenhaus bekommen, nie hatten wir jedoch einen Auftrag erhalten. Jeder wusste warum, aber wir hatten es zu Beginn der 1990er Jahre, als ich nach der Schule in einer Niederlassung eines sehr großen Elektrotechnikkonzerns zu arbeiten begann, immer wieder probiert.
Nun, da ich in diesem Unternehmen gelandet war, hatte ich doch große Hoffnungen, hier endlich einmal einen Auftrag in diesem Krankenhaus zu erhalten. Es sind sehr lukrative Aufträge, damals meist in einer Größenordnung von rund 1 Million Schillinge, leicht überschaubar und noch dazu bei einem angenehmen Auftraggeber. Ich hatte die Ausschreibung von meinem Kollegen Richard B., welcher mir in meinem Büro direkt gegenüber saß, erhalten. Also kalkulierte ich dieses Angebot, wie ich es schon unzählige Male getan hatte, in der Hoffnung, dies würde auch möglicherweise von Erfolg gekrönt werden. Doch dann unterhielt ich mich mit Richard B. über die aktuelle Lage in diesem Unternehmen, in welches ich nun gewechselt bin, ja wechseln musste, und wir hatten festgestellt, auch diesmal werden wir keinen Auftrag erhalten. Dieses Unternehmen, in welches ich nun gewechselt bin, war nun Teil eines neu entstandenen Mischkonzerns von vormals allesamt verstaatlichten Unternehmen, welche privatisiert wurden und nun in diesem Konzern zusammengefasst wurden und nun in der freien Markwirtschaft tätig waren. Gut 20.000 Mitarbeiter zählte der Konzern. Davon waren in der Region West, in welcher ich angestellt war, rund 100 Mitarbeiter tätig. Also man möge meinen, eigentlich eine überschaubare Einheit. Doch auch hier wurden zwei ehemals konkurrierende Unternehmen zu einem einzigen Unternehmen zusammengefasst und dies ergab eben Probleme. So war ich in jenem Bereich tätig, welches früher bereits in den erlauchten Kreis möglicher Auftragnehmer in diesem Krankenhaus zählte. Daneben war aber auch noch der anderen Teil, welcher früher noch zum Mitbewerb zählte. Dieser Teil hatte eine eigene Abteilung in einem anderen Bundesland, welche sich fast ausschließlich mit Aufträgen in Krankenhäusern beschäftigte, allerdings österreichweit. Deren Bereich in der Kalkulation war allerdings bereits ausgelastet, sodass wir nur deshalb diese Ausschreibung erhalten hatten. Im Falle eines Auftrages wäre der allerdings wieder an die andere Abteilung ergangen.
Nun bestand allerdings folgendes Problem. Diese Abteilung für Krankenhäuser gehörte nicht zu dem auserwählten Kreis von potentiellen Auftragnehmern in diesem Krankenhaus. Daher war die Wahrscheinlichkeit nicht gegeben, hier einen Auftrag zu erhalten und zwar aus folgenden Gründen.
Es existierte ein sogenannten Kreislauf der Auftragnehmer. So wurden die Planungsaufträge an Ingenieurbüros immer wieder an bestimmte Ingenieurbüros in einem Kreislauf vergeben. Dies ist soweit noch nicht besonders ungewöhnlich. Allerdings gab es auch einen Kreislauf der Auftragnehmer in diesem Krankenhaus, sodass eben nur jenes Unternehmen einen Auftrag erhalten werden würde, welches im Kreislauf gerade eben an der Reihe ist, aber auch Teil des Kreislaufes ist! Und dies war eben bei dieser Abteilung für Krankenhäuser aus dem anderen Bundesland nicht gegeben. Daher waren all meine Bemühungen bei der Kalkulation des Angebotes von vornherein umsonst. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Kalkulation fertig zu stellen und ein Angebot abzugeben.
Nachdem ich meine Kalkulation abgeschlossen und auch das Angebot geschrieben hatte, waren noch die Freigaben der Kalkulationsunterlagen, des Kalkulationsblattes und des Angebotes notwendig. So ging ich eben zu meinem direkten Vorgesetzten, dem Bereichsleiter Erich H., genannt Hörbi, um die Freigabe für das Angebot zu erhalten. Ich hatte die Kalkulation ohnedies bereits so angelegt, wie es in solch einem Fall erforderlich ist – also, ich hatte so kalkuliert, sodass die Wahrscheinlichkeit äußerst gering ist, einen Auftrag zu erhalten. So wie man eben in solch einer Situation vorgehen sollte. Aber Hörbi meinte doch glatt, er müsste meine Kalkulation von Richard B. überprüfen lassen und so hatte sich dieser die Kalkulation eben auch angesehen. Als ihn dann Hörbi danach fragte, meinte dieser doch glatt, „das hat er schon ganz gut hin bekommen“. Dabei kannten Richard B. und ich uns bereits seit über 10 Jahren, hatten wir doch damals gemeinsam ein, für Salzburger Verhältnisse, großes Projekt gemeinsam in Form einer internen Arbeitsgemeinschaft abgewickelt. Daher musste Richard B. ganz genau wissen, wie ich einzuschätzen sei. Doch er meinte nur, ich hätte dies schon ganz gut hinbekommen. Meine Aussichten in diesem Unternehmen waren ohnedies nicht gerade rosig und das Verhältnis zu den anderen Kollegen war äußerst schwierig, mit Hörbi ging es gar nicht, daher nahm ich seinen Kommentar einfach zur Kenntnis. Richard B. war noch einer der Angenehmsten Kollegen, welche ich in diesem Unternehmen hatte.
Nachdem nun alle Formalitäten endlich erledigt waren und ich mein Angebot fertig für die Abgabe hatte, sprachen Richard B. noch einmal über die aktuelle Situation im Unternehmen und wie dies besser werden könnte, denn es ist doch etwas unsinnig ein Angebot zu kalkulieren, wenn im Vorhinein klar ist, der Auftrag geht an ein anderes Unternehmen. Diesen Kreisel der Auftragnehmer gab es bereits Anfang der 1990er Jahre und es wird ihn wohl auch noch heute geben. Aber da meinte Richard B. als mögliche Besserung in solch einem Fall,
„wir wollen ein Netzwerk, mit welchem man sich alles untereinander ausmachen kann!“
Er meinte noch ergänzend, dann würde es sich jedes Unternehmen sparen, Angebote zu kalkulieren, ohne dafür einen Auftrag zu erhalten. Das wäre es, meinte er. Jeder würde im Vorhinein wissen, was er zu tun hat. Dabei erklärte er mir noch, wie dies im Detail aussehen sollte. Ähnlich dem Kreisel beim Krankenhaus, dabei sind keine direkten Marktabsprachen erforderlich, jedoch auf alle Aufträge und alle Bereiche ausgeweitet. Ich erwiderte ihm darauf, dies sei aber die tollkühnste Variante einer Markaufteilung, daher bin ich ihm nicht weiter darauf eingestiegen. Damals ahnte ich auch noch nicht, dass es tatsächlich Bestrebungen dafür gibt, solch ein Netzwerk, wie er es nannte, aufzubauen. Ich meinte noch zu ihm, wenn dabei jemand erwischen werden würde, käme dies doch fast der Bildung einer Mafia gleich. Also, dies würde niemals funktionieren, erwiderte ich ihm. Aber er belächelte nur meine Einwände und blieb dann stumm.
Erst nun, nach über 10 Jahren ist mir klar, er hat genau dies damit gemeint – die Bildung dieses sogenannten „neuen Systems“, bei dem jeder im Vorhinein weiß, welchen Auftrag ein Unternehmen erhalten würde!