Salzburg, Freitag, der 6. Februar 2004:
An diesem Abend stand ich, wieder einmal, an der Bar im unteren Bereich des „Jexx“. Doch es dauerte nicht lange, da kam ein ehemaliger Arbeitskollege von jenem Ingenieurbüro, in welchem ich vor der Zeit bei VA Tech gearbeitet hatte, zur Tür herein. Er sah mich gleich an der Bar, daher blieb er auch gleich bei mir stehen und begann sich mit mir zu unterhalten.
Anfangs hatte ich den Eindruck, nun wäre tatsächlich wieder Ruhe eingekehrt und ich würde auch wieder Leute am Abend, wenn ich ausgehe, treffen, welche ich von früher, von der Arbeit, oder von woher auch immer, und mich mit ihnen ganz normal unterhalten, als wäre nie etwas geschehen. Doch diese Ansicht änderte sich sehr rasch wieder. Denn mein ehemaliger Kollege, im Büro wurde er stets „Bommel“, auf Grund seiner pummeligen Figur genannt, ich hingegen nannte ihn immer wieder „Tingel Tangel Bommel“, da er im Büro für seine doch etwas fragwürdigen Scherze mit Kollegen bekannt war, bei welchem er schon gerne einmal jemanden einen üblen, nicht gerade alltäglichen, manchmal sogar widerlichen Scherz spielte. Gerade so, als wollte er einen regelrecht vergraulen, in der Hoffnung, dies wäre den Kollegen zu viel und sie würden daher, wenn dieser Kollege im Büro bleiben würde, kündigen und das Büro verlassen. Er war also bekannt dafür, andere Kollegen aus dem Unternehmen zu drängen. Daher kam auch mein Spitzname für ihn, in welchem ich ihn in Anlehnung an „Tingle Tangle Bob“ aus der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ einfach „Tingel Tangel Bommel“ nannte. Rein äußerlich hatte er zwar mit dieser Figur aus dieser Zeichentrickserie kaum etwas zu tun, mit seiner pummeligen Gestalt und seinem kahlgeschorenen Kopf, aber der Art nach kam er doch dieser Figur sehr ähnlich. Denn seine „Scherze“ gingen meist doch etwas zu weit. Er arbeitete auch nicht sehr lange in diesem Büro. Gerade mal einige Monate, kam von einem Elektrounternehmen und ging, im Anschluss an ein sehr bekanntes Unternehmen für Mess-, Steuer- und Regelungstechnik, ursprünglich ein schweizerisches Unternehmen, welches in der Zwischenzeit im großen Siemens Konzern aufgegangen war. Dieses Unternehmen hatte zudem auch ihre Büro Räumlichkeiten genau über meiner Bank, nur unweit meiner Wohnung in Parsch, gleich die sogenannte „Parscher Kreuzung“ gegenüber.
Meine Hoffnung, nun wäre vielleicht doch wieder zumindest etwas Normalität eingekehrt verschwanden, als „Tingel Tangel Bommel“ mit mir über meine neue Arbeit bei VA Tech zu sprechen begann. Denn darüber wusste er äußerst gut bescheid! Zudem wusste er auch, dass es bei VA Tech erst vor wenigen Tagen einen Wechsel in der Geschäftsführung gegeben hat, welcher noch gar nicht öffentlich bekanntgegeben worden war. Außerdem wusste er auch, dass auch ich in die Entscheidung über die Neubesetzung dieser Position bei VA Tech involviert gewesen wäre und dafür, wie er es nannte, „vorgesehen“ gewesen wäre. All dies kam von ihm selbst. Ich musste ihm dazu erst gar nichts über die aktuelle Situation im Unternehmen erzählen. Daher war ich doch etwas verwirrt. Wenngleich es mich nicht weiter wunderte, nach all dem, was sie seit Anfang August, seitdem ich bei VA Tech in Salzburg arbeitete, gerade aber seit Anfang Dezember, als bekannt wurde, die Position des Geschäftsführers in diesem Unternehmen in der Region West würde neu besetzt werden. Ich hatte dies ja beinahe täglich, egal wo auch immer, stets zu hören bekommen. Daher, warum sollte gerade er, der noch dazu nun seinen Arbeitsplatz nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt hatte, nicht davon gehört haben.
Aber er meinte zu all dem, dies wäre eben so. Man müsste eben immer einmal damit rechnen, „abgesägt“ zu werden. Aber dies wäre wohl nicht so dramatisch. Denn der neue Geschäftsführer würde wohl gescheit genug sein, mich nun, da ich von dieser Position ausgestochen worden war, in eine Position befördern, bei welcher ich in die Geschicke der Unternehmensführung, zumindest etwas, miteingebunden wäre, dann wäre all dies ganz normal. Jedoch, ich bin bei dieser Entscheidungsfindung für die Neubesetzung der Geschäftsführung bei der VA Tech in der Region West nicht „abgesägt“ worden. Denn ich kannte doch all dies lediglich von Gerüchten, und dies über viele Ecken. Zudem wäre ich ja auch niemals dafür in dieser Form zur Verfügung gestanden. Dies spielte allerdings für „Tingel Tangel Bommel“ schon überhaupt keine Rolle. Dies wollte er auch gar nicht hören. Es schien so, als würde ihn dies nicht einmal interessieren. Sondern das „Gerede“ entspräche eben den Tatsachen! ER wollte es mir zudem einfach nicht glauben, als ich ihm erzählt hatte, so wie sich dies in der Zeit, seitdem ich bei VA Tech arbeite, sicher niemals der Fall sein würde, dass ich vom neunen Geschäftsführer Christian H., welchen auch er kannte, niemals in eine Position befördert werden würde, bei der ich in die Geschicke des Unternehmens miteingebunden wäre. Selbst wenn ich mich mit Christian H. sonst eigentlich relativ gut verstanden hatte.
Ich war allerdings trotzdem froh, mich mit ihm unterhalten zu können, denn nun, da es zudem so schien, als wäre in der Arbeit nun wenigstens etwas Ruhe eingekehrt, suchte ich ja nach einem Geschäftsfeld für mich, in dem ich mich im Unternehmen nun wenigstens etwas miteinbringen könnte. Dieses MSR-Unternehmen, für welches nun „Tingel Tangel Bommel“ arbeitete, ist ja auch nicht gerade unbekannt, daher hoffte ich, vielleicht auch mit ihm dort einen Fuß in mögliche geschäftliche Verbindungen zu bringen. Bisher hatte ich ja noch immer kaum etwas zu tun und auch kaum eine Möglichkeit, ein Betätigungsfeld für mich bei VA Tech zu finden. Meine Position als weiterer Projektleiter in diesem Unternehmen war mit Sicherheit so niemals vorgesehen gewesen. Denn dazu fehlten die Aufträge, die Projekte – ja gar der Wille weitere Projekte zu bearbeiten. Daher hatte ich mich mit ihm auch ziemlich lange unterhalten.
Ich glaube, es war bereits drei Uhr morgens geworden, als sich „Tingel Tangel Bommel“ von mir im „Jexx“ verabschiedete. Wobei ich selbst auch nicht mehr lange in diesem Lokal bleiben, sondern nach Hause gehen wollte. Daher zahlte ich gleich im Anschluss daran und begab mich auf den Weg, durch die Innenstadt, zu Fuß, wie ich dies immer tat, nach Hause. Doch zuvor wollte ich mir noch im Döner Laden an der Staatsbrücke, dem „Troja“, einen Döner kaufen, so, wie ich dies sonst auch gerne einmal tat, wenn ich spät nächstens am Weg nach Hause war. Daher ging ich zur Staatsbrücke, überquerte dort die Straße, mittlerweile war es ja spät nachts, beinahe schon morgens, daher war der Verkehr auf den Straßen sehr gering, und im Anschuss daran wollte ich noch die Imbergstraße, gleich an der Staatsbrücke überqueren, um mir danach meinen Döner, „heute scharf“, wie mich die Ladenbetreiberin gleich befragen würde.
Aber als ich die Imbergstraße überqueren wollte, sah ich, wie ein Auto die Straße entlangkam. Nun überlegte ich kurz, ob ich nicht doch noch stehen bleiben sollte, oder nicht doch, wie einige Passanten vor mir, auch einfach die Straße überqueren sollte. Dabei kam ich zum Schluss, es würde sich noch leicht ausgehen, wenn ich die Straße überquere, bevor das Auto zu nahekommen würde, daher ging auch ich einfach los, auch wenn, wie ich zugeben muss, die Ampel noch „rot“ zeigte.
Kaum war ich auf der Mitte der Straße angekommen, das Auto kam immer näher, der Fahrer konnte also schon sehen, wer da vor ihm über die Straße gehen würde, da beschleunigte dieses Auto plötzlich und begann auf mich zuzurasen. Davon aufgeschrocken rannte ich los und konnte mich nur mehr mit einem Hechtsprung über den Schneehaufen, welcher der Schneepflug beim Räumen angehäuft hatte, retten, bevor mich das Auto sonst erwischt hätte. Zudem hatte ich Glück, dass auch die Straße etwas mit Schnee, beziehungsweise dem, was nach dem Einsatz von Streumittel davon übrigbleibt, wenn es dementsprechend kalt ist und der Schnee nicht taut, bedeckt war, sodass die Räder des Autos auch durchdrehten.
Nun stand ich, mehr als etwas erschrocken, am Ende der Linzergasse, dem Platztl, und wusste nicht so recht, wie mir nun geschah. Den dies war mehr als knapp. Aber so etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Selbst Passanten blieben erschrocken stehen und schauten, ob mir denn dabei auch nichts geschehen wäre. Aber da ich schnell wieder auf den Beinen war, mich umblickte, bleib die Aufregung darüber relativ gering. Leider hatte ich nicht gesehen, welches Auto dies war – weder das Kennzeichen, noch konnte ich den Fahrer sehen. Allerdings, wenn jemand wusste, zu welcher Zeit ich vom „Jexx“ weggegangen war, meine Gewohnheiten am Nachhauseweg kennt, dann könnte er auch durchaus gewusst haben, wann ich diese Straße an dieser Stelle überqueren würde.
Daher wurde ich nun mehr als nachdenklich. Denn es schien so, als müsste ich die Drohungen gegen mich, welche ich schon seit längerer Zeit immer wieder zu hören bekommen hatte, tatsächlich ernst nehmen.
Allerdings, was sollte ich nun wieder unternehmen? Sollte ich zur Anzeige bringen, ich wäre bei Rot spät nächstens über die Imberstraße gegangen und dabei hätte mich beinahe ein Auto über den Haufen gefahren? Wobei, ich hatte dabei nichts getan, was meiner Einschätzung nach, beinahe jede Nacht an dieser Stelle geschieht. Aber anzeigen würde ich dies wohl nicht können.
Jedenfalls war dieses Erlebnis für mich Grund genug, mir anzugewöhnen, an einer roten Ampel bei der Überquerung einer Straße stehen zu bleiben, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, selbst wenn an mir andere einfach über die Straße gehen und mich dabei belächeln.
(2020-01-23)