Salzburg, Freitag, der 30. Jänner 2004:
War ich froh, als an diesem Vormittag von der Sekretärin des Geschäftsführers an alle Mitarbeiter der VA Tech in Salzburg eine Einladung per Mail versendet wurde, in der alle um 11:00 Uhr in das große Besprechungszimmer geladen wurde. Dabei hatte sie allerdings keinen Grund dafür angegeben. Aber es war sehr schnell klar, nun würde Josef Sch. seine Entscheidung, beziehungsweise die Entscheidung der Unternehmensführung bekanntgeben, wer denn nun seine Nachfolge als Geschäftsführer der Region West antreten würde.
Es tat gut, dies zu lesen, denn nun würde wohl endlich klar werden, wer dies werden würde und dieses „Gerenne“, nur um den „Richtigen“ an diese Stelle zu bringen, würde damit wohl endlich ein Ende finden. Bis zuletzt wurden von diversen Mitarbeitern alle Hebel in Bewegung gesetzt, um hier nur ja keine Überraschung zu erleben. Ja sogar „Hörbi“, der sich zunächst eigentlich weitgehend davon ferngehalten hatte, lief kurz vor dieser Zusammenkunft im großen Besprechungszimmer noch einmal zu Karl P. in der Hoffnung, dass hier doch eh alles in den richtigen Bahnen läuft.
Um elf Uhr versammelte sich dann also die gesamte Belegschaft der VA Tech in Salzburg im großen Besprechungszimmer. Dabei suchte ich mir einen der hintersten Plätze. An den Stühlen im Besprechungszimmer hatten ohnedies nicht alle Mitarbeiter platz, daher setzte ich mich, gleich am Fenster, auf einen an der Wand stehenden Tisch. Ganz lässig. Denn ich wollte doch nun diese Veranstaltung auch dafür nützen, um all den Kollegen zu zeigen, nichts an dem Gerücht, auch ich könnte hier zur Wahl stehen, würde der Wahrheit entsprechen. Meiner Ansicht nach konnte es sich dabei auch lediglich um ein Gerücht handeln. Denn ich hatte in den bisherigen fünf Monaten niemand in diesem Unternehmen vernommen, welcher auch nur im Geringsten daran gedacht haben könnte, mich mit dieser Position zu betrauen. Denn, war ich doch vom ersten Tag an in diesem Unternehmen regelrecht kaltgestellt und niemand hatte sich wirklich ernsthaft daran gestört, daher konnte dies alles, aus meiner Sicht, keinesfalls der Wahrheit entsprechen. Selbst wenn, ich hätte dieses „Angebot“ niemals angenommen. Sondern jedem, der mir dies zugetragen hätte gefragt, ob er ein wenig verrückt geworden ist!
Nun begann also Josef Sch. von seiner Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen, zu erzählen. Die Entscheidung, so meinte er, wäre ihm nicht leichtgefallen, was auch durchaus den Eindruck erweckte. Aber letztendlich hätte er sich doch dafür entschieden, dies zu tun. Daher wäre es nun an der Zeit, allen Mitarbeitern seine Nachfolge kundzutun. Hier wäre eben nun die Entscheidung an Christian H., einem langjährigen Mitarbeiter des Unternehmens, welcher gerade im letzten Jahr einen steilen Weg nach oben beschritten hätte, indem er gerade mal ein Jahr zuvor erst vom Projektleiter zum Abteilungsleiter der Abteilung und des Kompetenz Centers für Automatisierung aufgestiegen wäre, und nun eben seine Nachfolge als Geschäftsführer der Region West antreten soll. Auch von der Konzernleitung wäre diese Personalentscheidung mittlerweile abgesegnet, sodass es lediglich noch einiger Formalitäten bedürfen sollte, bis Christian H. die alleinige Geschäftsführung in der Region West antreten könnte.
Danach meldete sich auch noch Christian H. selbst zu Wort. Er hatte sich bereits in Schale geworfen und die legere Kleidung, mit welcher er sonst im Unternehmen umhergelaufen war, gegen einen Anzug mit Krawatte getauscht, daher stellte sich für mich die Frage, weshalb dann sogar noch heute Vormittag das große Rätselraten herrschte, wer denn der Nachfolger von Josef Sch. werden könnte.
Christian H. kündigte in seiner kurzen Ansprache auch einige kleine Änderungen an, welche sich, unter seiner Führung, in nächster Zeit ergeben werden. Dabei sprach er auch an, in Salzburg ein Kompetenz Center für die Errichtung von sogenannten Sonderanlagen im Bereich der elektrotechnischen Ausrüstung von Straßentunnels etablieren zu wollen. Dies nahm ich sofort zum Anlass, mich darüber, für jeden sichtbar, zu freuen, denn arbeitete ich doch zuvor in einem Ingenieurbüro, in welchem solche Anlagen geplant werden, nur um jeden zu zeigen, mit der Entscheidung um die Nachfolge von Josef Sch. hätte ich selbst überhaupt nichts am Hut und hätte mich darüber auch gar nicht gekümmert. Was ja auch den Tatsachen entsprach. Denn mehr als ein Gerücht konnte dies aus meiner Sicht niemals gewesen sein und ich hatte damit schon gar nichts zu tun. Ich hätte solch eine Funktion in dieser Form, wie ich als Gerücht in diese Entscheidung eingebunden war, auch schlichtweg abgelehnt – ja sogar dagegen protestiert. Ich konnte es allerdings niemals abstellen, wusste ich doch überhaupt nicht – vielmehr noch nicht – woher dies überhaupt kommen konnte.
Allerdings wusste ich auch, die Ankündigung des Aufbaus eines Kompetenz Centers für die elektrotechnische Ausrüstung für Straßentunnels könnte keinesfalls der Wahrheit entsprechen, denn hierfür gar es bereits ein Kompetenz Center – und zwar in Linz. Und Sinn dieser Kompetenz Centers, wie dies bei VA Tech genannt wurde, war eben, dass jene Abteilung, welche als ein solches Kompetenz Center gilt, nicht nur in der jeweiligen Region tätig sein kann, sondern im gesamten Bundesgebiet Österreichs – ja sogar international. Daher wäre es ein Unsinn gewesen, ein zweites Kompetenz Center in diesem Bereich in Österreich aufbauen zu wollen. Dies würde ja deren Grundsatz widersprechen. Ich tat allerdings so, als wüsste ich dies einfach nicht. Ich war nur froh, jedem der Kollegen offen zeigen zu können, ich selbst wäre keines falls enttäuscht darüber, dass nun Christian H. die Funktion des Geschäftsführers übernehmen würde. – Die Überraschung war allerdings nicht unerheblich. Manche Kollegen erschraken dabei regelrecht. Selbst Josef Sch. und Christian H. zeigten dabei Regung. Aber dies war mir gerade recht.
Diese Veranstaltung dauerte gut eineinhalb Stunden. Daher wollte ich danach auch nicht mehr in die Mittagspause gehen, sondern noch ein wenig am Arbeitsplatz verbringen – arbeiten konnte ich dies ja immer noch nicht nennen – und danach nach Hause gehen. In der Hoffnung, nun wäre wenigstens diese Angelegenheit endlich zu Ende und es würde wieder wenigstens etwas Ruhe einkehren.
Im Büro zurückgekommen diskutierten anschließend noch mein Kollege Richard B. und Harald Z. über diese Entscheidung und zeigten sich darüber erleichtert. Wobei ich mich allerdings einmischte und die beiden fragte, ob es denn überhaupt eine Alternative zu Christian H. gegeben hätte. Denn jemand anderer im Unternehmen als vielleicht Karl P. würde mir nicht einfallen, der diese Position sonst hätte neu betrauen können. Allerdings hätte dieser doch, anlässlich der Fahrt mit Hermann St. und mir nach Innsbruck, bezüglich des Projektes der Raststätte an der Inntalautobahn erklärt, er wäre es beinahe schon einmal einen Tag lang gewesen, daher hätte ich nicht angenommen, er wäre nun von den obersten Stellen im Konzern hierfür eingesetzt worden. Beide, sowohl Richard B. als auch Harald Z. waren darüber regelrecht erschrocken, als ich dies sagte. „Zucki“, wie Harald Z. ja auch genannt wurde, fragte mich glatt, wie ich denn darauf kommen würde. Aber dabei habe ich denn beiden erklärt, so wie sich dieses „Gerenne“ in den letzten Wochen zwischen vielen der Kollegen zum Büro von Karl P. abgespielt hat, wäre ich auf keinen anderen Anlass als darauf gekommen, auch Karl P. hätte noch einmal Ambitionen, diese Position doch noch einmal zu übernehmen. Zudem würde dies auch das Fehlen von Karl P. bei dieser Veranstaltung erklären. Doch dazu meinte „Zucki“, Karl P. wäre nun in einem anderen Unternehmen, welches zwar auch zum gleichen Konzern gehören würde, jedoch nicht in diesen Bereich, welchen nun Christian H. als neuer Geschäftsführer zu führen hätte. Was ja auch stimmte, doch deshalb wunderte es mich so besonders, dass gerade Karl P. stets nach dem aktuellen Stand der Nachfolgeregelung befragt wurde. Dies brachte meine beiden Zimmerkollegen noch mehr ins Staunen, denn „Zucki“ murmelte darauf vor sich her und zeigte sich erstaunt darüber, denn ich hätte dies alles mitbekommen. Allerdings war dies in den letzten Wochen nicht mehr zu übersehen.
Noch mehr verwundert waren beide, als ich ihnen dann auch noch sagte, wie froh ich darüber wäre, dass diese Entscheidung nun endlich getroffen wäre. Denn, hatte ich doch seit zwei Monaten den Eindruck, diverse Kollegen würden sich um nichts anderes mehr kümmern als um diese Nachfolgeregelung. Als gäbe es keine anderen Aufgaben in diesem Betrieb als dafür zu sorgen, damit nur ja der richtige Mann die richtige Position bekommen würde. Keinesfalls jedoch ein Falscher in eine Position gehoben werden könnte, die so nicht erwünscht wäre. Manchmal hätte ich beinahe schon den Eindruck gehabt, den gesamten Jänner über wäre die Arbeit in diesem Unternehmen stillgestanden und beinahe alle hätten sich nur mehr um die Nachfolge von Josef Sch. gekümmert. Es schien beinahe so, als wäre, mit Ausnahme in der Abteilung für Kleinkraftwerke, nichts anderes mehr von Bedeutung gewesen. Als ich dann auch noch Michael B. erwähnte, der meist den ganzen Tag über wie ein Wilder durch das Büro lief, jeden dabei regelrecht umgerannt hätte, der es auch nur im Geringsten gewagt hätte, sich ihm in den Weg zu stellen, waren meine beiden Zimmerkollegen sprachlos und wollten offenbar nicht weiter mit darüber sprechen, denn beide verschwanden aus dem Zimmer in den Tiefen des Bürodschungels!
Mir war dies egal. Ich hoffte nur, nun wäre diese Angelegenheit endlich ein für alle Mal geklärt und erledigt und nun würde wieder wenigstens Halbwegs Normalität einkehren, denn mittlerweile war ich zur Ansicht gekommen, ich wäre hier in einem Haufen völlig verrückter gelandet, die meine Unterzeichnung des Dienstvertrages in diesem Unternehmen als Unterzeichnung einer Leibeigenschaft angesehen hatten, dies es ihnen erlaubt, mit mir nach Belieben umzugehen! Doch auch dies sollte sich nicht bewahrheiten!
(2020-01-21)